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Jeder kehre vor seiner eigenen Tür

Kurz gesagt

Wer andere kritisiert, soll sich zuerst um die eigenen Fehler und Angelegenheiten kümmern.

Auf Englisch
Sweep before your own door
Physician, heal thyself
Auch gesagt
Ein jeder kehre vor seiner Tür
Vor der eigenen Tür kehren
Kehr vor deiner eigenen Tür

Was bedeutet „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür“?

Mit „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür“ weist man jemanden darauf hin, dass er erst bei sich selbst Ordnung schaffen soll, bevor er andere belehrt. Der Satz fällt typischerweise, wenn sich jemand über die Fehler von Nachbarn, Kollegen oder Mitspielern auslässt und dabei die eigenen übersieht. Er wirkt dann wie eine knappe Zurechtweisung, ungefähr: Kümmere dich um deinen eigenen Kram.

Daneben gibt es eine freundlichere Lesart, die direkt aus dem Bild kommt: Wenn jeder seinen kleinen Bereich in Ordnung hält, ist allen geholfen. In diesem Sinn taucht das Sprichwort in Aufrufen zu Eigenverantwortung auf, in Vereinen ebenso wie in der Politik. Sehr verbreitet ist auch die Redewendung „vor der eigenen Tür kehren“, etwa in „Die Partei sollte erst einmal vor der eigenen Tür kehren“. Der Ton ist dann meist vorwurfsvoll und richtet sich an Gruppen, die anderen etwas vorhalten, was bei ihnen selbst nicht besser läuft.

Woher kommt „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür“?

Das Sprichwort ist deutlich älter als das bekannte Goethe-Gedicht, mit dem man es heute oft verbindet. Schon im 16. Jahrhundert verzeichnet Eberhard Tappius die Form „Eynn yeder kere vor seiner eygen thür, so wirt es allerwegen rein“, und Burkard Waldis mahnt in seinen Fabeln „Ker für deiner thür“. Wander führt zahlreiche Fassungen an, darunter „Ein jeder kehre für seiner Thür, so werden alle Gassen rein“ und die bissige Erweiterung „Jeder kehr’ vor seiner Thür, er find’t wol Koth genug dafür“. Das Bild erklärt sich selbst: Fegt jeder vor dem eigenen Haus, ist die ganze Gasse sauber.

Goethe hat den alten Spruch in den „Zahmen Xenien“ unter dem Titel „Bürgerpflicht“ aufgegriffen: „Ein jeder kehre vor seiner Tür, / Und rein ist jedes Stadtquartier.“ Den Gedanken dahinter kennt auch die Bibel, im Bild vom Splitter im Auge des Bruders und dem Balken im eigenen (Matthäus 7,3).

Quellen

  • Wander: Deutsches Sprichwörter-Lexikon, Stichwörter ‚Kehren‘ und ‚Thür‘
  • Goethe: Zahme Xenien IX, „Bürgerpflicht“
  • Lutherbibel 2017: Matthäus 7,3

Stand:

Beispiele aus dem Alltag

  • Herr Krämer beschwert sich in der Eigentümerversammlung über die Fahrräder im Flur. Frau Yilmaz zeigt auf seine Kartons im Treppenhaus: „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür.“

  • In der Fraktionssitzung wirft Lars der anderen Partei Vetternwirtschaft vor. Seine Kollegin bremst ihn: „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür. Unser Kassenwart ist der Schwager des Bürgermeisters.“

  • Tim lästert im Klassenchat über Bens schlampigen Teil der Gruppenarbeit. Seine Mutter sieht das und sagt: „Dein Teil ist auch noch nicht fertig. Jeder kehre vor seiner eigenen Tür.“

Häufige Fragen

Ist „Jeder kehre vor seiner eigenen Tür“ von Goethe?

Nicht ursprünglich. Das Sprichwort ist schon im 16. Jahrhundert belegt. Goethe hat es in seinem Vierzeiler „Bürgerpflicht“ aus den „Zahmen Xenien“ aufgegriffen, deshalb wird es heute oft ihm zugeschrieben.

Wie lautet das Goethe-Gedicht „Bürgerpflicht“?

Es hat nur vier Zeilen: „Ein jeder kehre vor seiner Tür, / Und rein ist jedes Stadtquartier. / Ein jeder übe sein’ Lektion, / So wird es gut im Rate stohn.“

Was bedeutet „vor der eigenen Tür kehren“?

Die Redewendung meint dasselbe wie das Sprichwort: sich zuerst um die eigenen Fehler und Probleme kümmern, statt andere zu kritisieren.

Wie sagt man das auf Englisch?

Die wörtliche Entsprechung „Sweep before your own door“ ist im Englischen selten. Geläufiger ist das Bibelwort „Physician, heal thyself“, auf Deutsch „Arzt, hilf dir selber“ (Lukas 4,23).

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