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Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Kurz gesagt

Wer hungert und ums Überleben kämpft, kann sich Moral nicht leisten; erst müssen die Grundbedürfnisse gedeckt sein.

Auf Englisch
Grub first, then ethics
Auch gesagt
Erst das Fressen, dann die Moral
Erst kommt das Fressen, dann die Moral

Was bedeutet „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“?

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ heißt: Wer Hunger hat oder um seine Existenz kämpft, kann sich Anstand und hohe Grundsätze nicht leisten. Moralische Forderungen setzen voraus, dass das Nötigste zum Leben da ist. Der Satz fällt in Debatten über Armut und Kriminalität, über Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern oder über Menschen, die aus Not Regeln brechen. Er richtet sich oft gegen Wohlhabende, die anderen Bescheidenheit und Ehrlichkeit predigen.

Das derbe „Fressen“ statt „Essen“ ist Absicht: Es zeigt den Menschen als hungriges Tier und soll provozieren. Im Alltag wird der Satz oft verflacht und scherzhaft gebraucht, etwa wenn jemand vor der Sitzung erst einmal das Buffet ansteuert. Manche benutzen ihn auch zynisch, um eigenen Egoismus zu entschuldigen. Bei Brecht ist er eine Anklage: Schuld an der Unmoral der Armen sind die Verhältnisse, die sie hungern lassen, und die Satten, die ihnen Tugend abverlangen. Wer den Satz als Freibrief versteht, dreht seine Aussage um.

Woher kommt „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“?

Die Zeile stammt aus der „Dreigroschenoper“ von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill, uraufgeführt am 31. August 1928 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin. Vorlage war John Gays „Beggar’s Opera“ von 1728 in der Übersetzung von Elisabeth Hauptmann, die nach Schätzungen einen großen Teil der Texte beisteuerte. Der Satz steht im zweiten Dreigroschenfinale „Denn wovon lebt der Mensch?“, das den zweiten Akt beschließt. Macheath, genannt Mackie Messer, und Spelunken-Jenny treten vor den Vorhang und wenden sich an die „Herrn“, die den Armen ein braves Leben predigen.

Beide singen die Zeile in ihren Strophen, fast wie einen Kehrreim: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ Elias Canetti wendete sie in seinen Erinnerungen „Die Fackel im Ohr“ gegen das wohlhabende Berliner Publikum, das sich in der Aufführung selbst bejubelt habe: „Erst kam ihr Fressen, dann kam ihre Moral.“

Beispiele aus dem Alltag

  • In der Talkshow verlangt ein Politiker mehr Ehrlichkeit von Leuten, die Bürgergeld beziehen. Eine Sozialarbeiterin kontert: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Wer einen leeren Kühlschrank hat, denkt nicht an Ihre Werte.“

  • Die Projektgruppe will vor der Mittagspause noch über Nachhaltigkeit diskutieren. Kenan steht auf: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Ich hol mir eine Pizza.“

  • Im Ethikunterricht diskutiert die 10b, ob Mundraub bestraft werden sollte. Frau Yilmaz schreibt an die Tafel: „Erst das Fressen, dann die Moral? Brecht, 1928.“

Häufige Fragen

Von wem stammt „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“?

Von Bertolt Brecht. Die Zeile steht in der „Dreigroschenoper“ (1928), im zweiten Dreigroschenfinale „Denn wovon lebt der Mensch?“, gesungen von Macheath und Spelunken-Jenny. Die Musik schrieb Kurt Weill.

Warum heißt es „Fressen“ und nicht „Essen“?

„Fressen“ sagt man eigentlich von Tieren, auf Menschen bezogen ist das Wort derb. Brecht wählt es in „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, um zu zeigen, dass der hungernde Mensch auf seine Bedürfnisse zurückgeworfen ist, bevor er an Moral denken kann.

Wie sagt man „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ auf Englisch?

Verbreitet ist die Übersetzung „Grub first, then ethics“, die in englischen Zitatsammlungen unter Brechts Namen steht. In den englischen Fassungen der „Threepenny Opera“ ist die Zeile unterschiedlich übertragen.

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