Ein Auge zudrücken
Kurz gesagt
Über einen Fehler oder kleinen Regelverstoß großzügig hinwegsehen und ihn nicht bestrafen.
- Auf Englisch
- To turn a blind eye
- Auch gesagt
- Beide Augen zudrücken
- Zwei Augen zudrücken
Was bedeutet „Ein Auge zudrücken“?
Wer ein Auge zudrückt, sieht absichtlich über etwas hinweg, das er eigentlich beanstanden müsste. Der Polizist lässt den Falschparker mit einer Ermahnung davonkommen, die Lehrerin zählt die zwei Minuten Verspätung nicht, der Schaffner nimmt es mit dem abgelaufenen Ticket nicht so genau. Die Wendung ist umgangssprachlich, fällt aber in fast keinem Zusammenhang auf, vom Familienessen bis zur Zeitungsmeldung.
Der Ausdruck setzt eine gewisse Macht voraus: Ein Auge zudrücken kann nur, wer auch streng sein dürfte. Meist steckt darin Wohlwollen, manchmal aber auch der Vorwurf, jemand sei zu nachsichtig oder bevorzuge bestimmte Leute. „Die Behörden drücken ein Auge zu“ klingt nach Duldung von Missständen. Die Steigerung „beide Augen zudrücken“ meint besonders großzügige Nachsicht. Nicht verwechseln sollte man die Wendung mit „kein Auge zutun“: Das heißt, dass man nicht schlafen kann.
Woher kommt „Ein Auge zudrücken“?
Das Bild ist leicht zu verstehen: Wer ein Auge schließt, sieht nur die Hälfte und kann manches übersehen. Wander verzeichnet „Ein Auge zudrücken“ mit der Erklärung „Etwas, was streng genommen nicht sein sollte, hingehen lassen und thun, als ob man es nicht bemerkte“ und dazu das Sprichwort „Man muss bisweilen ein Auge zudrücken“.
Über die Entstehung kursierten schon im 19. Jahrhundert Anekdoten. Wander gibt eine wieder, nach der Kaufleute einem einäugigen Steuerbeamten am Stadttor die Hand drückten und ihn baten, ein Auge zuzudrücken, worauf ihre Ware unbemerkt passierte. Lutz Röhrich verweist auf alte Rechtsbräuche, in denen ein einäugiger Gerichtsbote auf einem einäugigen Pferd richterliche Milde angezeigt haben soll. Beides sind nachträgliche Erklärungen, ein Beleg für einen solchen Ursprung fehlt. Eine Parallele kennt das Lateinische: „conivere“, die Augen schließen, steht dort auch für Nachsicht und lebt im englischen „to connive“ fort.
Beispiele aus dem Alltag
Kai fährt mit dem Rad bei Rot über die leere Kreuzung, direkt vor einer Polizeistreife. Die Beamtin belässt es bei einer Ermahnung: „Heute drücke ich noch mal ein Auge zu.“
Die Mathelehrerin sieht, dass Finn beim Übungstest die Formelsammlung aufgeschlagen hat. Weil es noch nicht um Noten geht, drückt sie ein Auge zu.
„Eigentlich sind Hunde im Vereinsheim verboten“, sagt der Vorsitzende, als Petra mit ihrem Dackel hereinkommt. „Aber bei dem Regen drücken wir mal ein Auge zu.“
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen „ein Auge zudrücken“ und „beide Augen zudrücken“?
„Beide Augen zudrücken“ ist die Steigerung: Man sieht über einen größeren Verstoß hinweg oder ist besonders großzügig. „Ein Auge zudrücken“ meint eher eine kleine, einmalige Nachsicht.
Was bedeutet dagegen „kein Auge zutun“?
Das ist eine eigene Wendung: Wer kein Auge zutut, kann nicht schlafen, etwa vor Aufregung. Mit Nachsicht hat sie nichts zu tun.
Wie sagt man „ein Auge zudrücken“ auf Englisch?
Die übliche Entsprechung ist „to turn a blind eye to something“. Sie wird genauso für bewusstes Wegsehen bei kleinen Verstößen gebraucht.
Kurzer Test
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