Jemandem reinen Wein einschenken
Kurz gesagt
Jemandem die volle Wahrheit sagen, auch wenn sie unangenehm ist.
- Auf Englisch
- To give it to someone straight
- To be straight with someone
- Auch gesagt
- Jemandem klaren Wein einschenken
Was bedeutet „Jemandem reinen Wein einschenken“?
Wer jemandem reinen Wein einschenkt, sagt ihm die ganze Wahrheit, ohne etwas zu beschönigen oder zu verschweigen. Meist geht es um unangenehme Nachrichten: Der Arzt erklärt einem Patienten offen seine Diagnose, die Geschäftsführerin informiert die Belegschaft über schlechte Zahlen, die Freundin gesteht, dass sie die geliehene Kamera kaputt gemacht hat. Duden führt die Wendung ohne Stilmarkierung, sie gehört also zur allgemeinen Standardsprache. Sie passt in eine Rede ebenso wie ins Gespräch am Küchentisch.
Häufig kündigt jemand damit an, dass jetzt etwas Ernstes kommt: „Ich muss dir reinen Wein einschenken.“ Darin steckt auch Respekt. Wer reinen Wein einschenkt, nimmt den anderen ernst genug, um ihm die Wahrheit zuzumuten. In der Politik wird die Wendung oft als Forderung gebraucht, etwa wenn die Opposition verlangt, die Regierung solle den Bürgern über die Kosten einer Reform reinen Wein einschenken. Gleichbedeutend ist „klaren Wein einschenken“. Ganz ähnlich, aber direkter und umgangssprachlicher, ist „Tacheles reden“.
Woher kommt „Jemandem reinen Wein einschenken“?
Das Bild ist der unverfälschte Wein. Wer seinen Gästen gestreckten oder verfälschten Wein ausschenkt, betrügt sie. Wer „reinen“ oder „lauteren“ Wein einschenkt, ist ehrlich. Grimms Wörterbuch belegt die übertragene Bedeutung im späten 16. Jahrhundert: Der Nürnberger Dramatiker Jakob Ayrer schreibt „dasz man ihn einschenk lautern wein“, und bei Herzog Heinrich Julius von Braunschweig heißt es sogar „damit ich dir rein bier einschenke“. Später lässt Friedrich Maximilian Klinger eine Figur sagen: „du kennst den mann, schenk mir nur rein ein!“
Oft liest man, die Wendung gehe auf mittelalterliche Wirte zurück, die ihren Wein heimlich mit Wasser oder anderen Zusätzen panschten. Das ist plausibel, ein direkter Beleg für diese konkrete Entstehung fehlt aber. Das Bild versteht sich auch ohne Anekdote.
Beispiele aus dem Alltag
Nach dem dritten verpassten Abgabetermin bittet die Projektleiterin Herrn Okafor in ihr Büro: „Ich muss Ihnen reinen Wein einschenken. So kann es nicht weitergehen.“
Beim Elternabend fragt eine Mutter, ob die Klassenfahrt stattfindet. Die Lehrerin schenkt reinen Wein ein: „Ohne zwei weitere Begleitpersonen fällt sie aus.“
Clara hat das geliehene Fahrrad ihres Bruders am Bahnhof stehen lassen, jetzt ist es weg. Abends beschließt sie, ihm reinen Wein einzuschenken, bevor er es selbst merkt.
Häufige Fragen
Heißt es „reinen Wein“ oder „klaren Wein einschenken“?
Beides ist richtig und bedeutet dasselbe. Duden führt die Wendung als „jemandem reinen/klaren Wein einschenken“.
Hat „reinen Wein einschenken“ etwas mit gepanschtem Wein zu tun?
Das Bild ist der unverfälschte Wein als Zeichen der Ehrlichkeit. Die beliebte Geschichte von betrügerischen mittelalterlichen Wirten ist plausibel, als Ursprung der Wendung aber nicht belegt.
Wie sagt man das auf Englisch?
Passend sind „to give it to someone straight“ oder „to be straight with someone“. Wer dabei einen eigenen Fehler gesteht, „comes clean“.
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