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Nicht alle Tassen im Schrank haben

Kurz gesagt

Nicht ganz bei Verstand sein; sich so seltsam oder unvernünftig verhalten, dass andere am Verstand zweifeln.

Auf Englisch
to have a screw loose
to be one sandwich short of a picnic
Auch gesagt
Nicht mehr alle Tassen im Schrank haben

Was bedeutet „Nicht alle Tassen im Schrank haben“?

Wer nicht alle Tassen im Schrank hat, gilt als ein wenig verrückt. Die Wendung ist umgangssprachlich und kommt oft als Frage: „Hast du noch alle Tassen im Schrank?“, wenn jemand nachts um drei staubsaugt oder sein Erspartes in eine dubiose Geldanlage aus dem Internet steckt. Unter Freunden ist das ein ruppiger Scherz, gegenüber Fremden eine echte Beleidigung. Das DWDS führt die Wendung mit und ohne „mehr“, ohne Unterschied in der Bedeutung: „nicht (mehr) alle Tassen im Schrank haben“.

Gemeint ist meist ein bestimmtes Verhalten, kein dauerhafter Zustand. Man kann die Wendung auch auf sich selbst münzen, wenn man etwas Zerstreutes getan hat, etwa die Lesebrille im Gefrierfach abgelegt. Sie gehört zu einer ganzen Familie von Bildern, in denen dem Kopf ein Teil seiner Ausstattung fehlt: „nicht alle Latten am Zaun haben“, „nicht alle Nadeln an der Tanne haben“, „eine Schraube locker haben“. Wie bei diesen Verwandten ist der Kopf ein Behälter, in dem eigentlich alles an seinem Platz sein sollte.

Woher kommt „Nicht alle Tassen im Schrank haben“?

Woher die Wendung stammt, ist nicht geklärt. Sicher ist nur, dass sie jung ist. Schriftlich greifbar wird sie in den 1940er und 1950er Jahren, im Zusammenhang mit dem Berliner Witz. 1956 erklärte der Sprachforscher Siegmund A. Wolf in der Zeitschrift „Muttersprache“ die Tassen als Verballhornung eines jiddischen Wortes „toschia“ für Verstand. Es soll auf das hebräische „tuschija“ (Umsicht) zurückgehen, das etwa in Sprüche 3,21 vorkommt. Diese Deutung wird bis heute oft wiederholt. Heidi Stern, die den jiddischen Lehnwortschatz in deutschen Dialekten untersucht hat, konnte „toschia“ allerdings in keinem jiddischen Wörterbuch nachweisen.

Eine andere Erklärung verweist auf Porzellan als Statussymbol: Ein vollständiger Tassenschrank zeigte Wohlstand und Ordnung. Auch das ist eine nachträgliche Deutung. Am einfachsten liest man das Bild wörtlich: Der Kopf ist der Schrank, und darin fehlt etwas.

Beispiele aus dem Alltag

  • „Du willst mit Flip-Flops auf die Zugspitze? Du hast doch nicht alle Tassen im Schrank!“, schreibt Clara ihrem Bruder.

  • Der Nachbar mäht am Sonntag um sieben Uhr früh den Rasen. Herr Öztürk steht im Bademantel am Zaun: „Haben Sie noch alle Tassen im Schrank?“

  • Als Kemal merkt, dass er den Autoschlüssel in den Kühlschrank gelegt hat, lacht er über sich selbst: „Ich hab heute nicht mehr alle Tassen im Schrank.“

Häufige Fragen

Kommt „nicht alle Tassen im Schrank haben“ aus dem Jiddischen?

Das wird oft behauptet, ist aber nicht belegt. Die These stammt aus dem Jahr 1956, und das angebliche jiddische Wort „toschia“ ließ sich in jiddischen Wörterbüchern nicht nachweisen.

Heißt es „nicht alle Tassen“ oder „nicht mehr alle Tassen im Schrank“?

Beide Formen sind üblich und bedeuten dasselbe. Mit „mehr“ klingt es, als habe jemand früher noch alle Tassen beisammen gehabt.

Ist „nicht alle Tassen im Schrank haben“ eine Beleidigung?

Je nach Ton und Situation kann die Wendung beleidigend sein, weil sie jemandem den Verstand abspricht. Unter Freunden oder über sich selbst gesagt ist sie meist ein Scherz.

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