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Nach Canossa gehen

Kurz gesagt

Sich gezwungenermaßen demütigen: einen Fehler eingestehen und jemanden um Verzeihung oder Hilfe bitten, weil keine andere Wahl bleibt.

Auf Englisch
To go to Canossa
To eat humble pie
Auch gesagt
Gang nach Canossa
Ein Canossa durchmachen

Was bedeutet „Nach Canossa gehen“?

„Nach Canossa gehen“ heißt: sich vor jemandem erniedrigen, einen Fehler zugeben und um Verzeihung, Rückhalt oder Hilfe bitten, obwohl es einem sehr schwerfällt. Der Duden spricht von einer schwerfallenden, aber von der Situation geforderten Selbsterniedrigung. Typisch ist der Politiker, der nach einem missglückten Alleingang bei der eigenen Fraktion um Unterstützung werben muss, der Stürmer, der sich nach öffentlicher Kritik beim Trainer entschuldigt, oder die Firma, die reumütig zum Zulieferer zurückkehrt, mit dem sie sich überworfen hatte.

Mindestens ebenso geläufig ist das Substantiv: „ein Gang nach Canossa“, auch „Canossagang“. Beides klingt gebildet und gehört vor allem in die Zeitungssprache, im Alltag oft halb im Scherz. Entscheidend ist der Zwang: Wer freiwillig und gern um Entschuldigung bittet, geht nicht nach Canossa. Meist steckt ein Machtgefälle dahinter: Man beugt sich jemandem, den man vorher herausgefordert hat. Verneint ist die Wendung durch Bismarck berühmt geworden: „Nach Canossa gehen wir nicht“ sagt bis heute, wer demonstrativ nicht nachgeben will. Die eingedeutschte Schreibung „Kanossa“ gilt heute als falsch.

Woher kommt „Nach Canossa gehen“?

Canossa ist eine Burg in Norditalien, in der Provinz Reggio Emilia. Dort hielt sich im Januar 1077 Papst Gregor VII. bei der Markgräfin Mathilde auf. König Heinrich IV., den der Papst im Investiturstreit gebannt hatte, zog im Winter über die Alpen und erschien als Büßer vor der Burg. Nach Tagen der Buße, vom 25. bis 28. Januar, löste ihn Gregor vom Bann. Kaiser wurde Heinrich erst 1084, viele Darstellungen nennen ihn trotzdem schon so.

Zum geflügelten Wort wurde ein Satz Otto von Bismarcks. Im Kulturkampf, nachdem der Papst den Kardinal Gustav Adolf zu Hohenlohe-Schillingsfürst als deutschen Gesandten abgelehnt hatte, sagte er am 14. Mai 1872 im Reichstag: „Seien Sie außer Sorge, nach Kanossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig.“ Gemeint war, dass sich das Reich der Kirche nicht unterwerfen werde. Wander verzeichnet den Ausspruch nach einer Zeitungsmeldung von 1875: Auf dem Burgberg bei Harzburg, einer Gründung Heinrichs IV., sollte zur Erinnerung eine Säule errichtet werden. Sie steht dort seit 1877.

Beispiele aus dem Alltag

  • Nach seinem Wutausbruch im Fernsehinterview muss der Stürmer beim Trainer nach Canossa gehen. „Ich habe mich entschuldigt, mehr sage ich dazu nicht“, erklärt er vor dem Training.

  • Zwei Jahre nach dem Streit braucht die Firma ihren alten Zulieferer wieder. „Das wird ein Gang nach Canossa“, seufzt Geschäftsführerin Frau Albers und greift zum Telefon.

  • Jonas hat den Geburtstag seiner Schwester mit einem dummen Spruch ruiniert. Am nächsten Tag steht er mit Blumen vor ihrer Tür, sein persönlicher Gang nach Canossa.

Häufige Fragen

Was geschah in Canossa?

Im Januar 1077 erschien König Heinrich IV. als Büßer vor der Burg Canossa in Norditalien, wo sich Papst Gregor VII. aufhielt. Nach mehreren Tagen hob der Papst den Kirchenbann gegen ihn auf. Deshalb steht „nach Canossa gehen“ für eine erzwungene Demütigung.

Wer sagte „Nach Canossa gehen wir nicht“?

Otto von Bismarck, am 14. Mai 1872 im Reichstag, auf dem Höhepunkt des Kulturkampfs. Im Protokoll steht: „Seien Sie außer Sorge, nach Kanossa gehen wir nicht, weder körperlich noch geistig.“

Schreibt man Canossa oder Kanossa?

Heute schreibt man „Canossa“, wie der italienische Ort heißt. Die eingedeutschte Form „Kanossa“, die noch im Reichstagsprotokoll von 1872 steht, führt das DWDS als nicht mehr gültige Schreibung.

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