Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr
Kurz gesagt
Bescheidenheit gilt als Tugend, bringt im Leben aber wenig voran; der Spruch lobt sie zum Schein und rät augenzwinkernd, sich nicht kleinzumachen.
- Auf Englisch
- Nice guys finish last
- Auch gesagt
- Bescheidenheit ist eine Zier, doch besser lebt man ohne ihr
Was bedeutet „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“?
„Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“ heißt: Bescheidenheit mag eine schöne Tugend sein, wer vorankommen will, sollte sich aber nicht zu klein machen. Die erste Zeile klingt wie ein frommer Tugendspruch, die zweite nimmt ihn mit einem Reim gleich wieder zurück. Man sagt den Satz, wenn jemand bei der Gehaltsverhandlung mehr fordert, im Bewerbungsgespräch die eigenen Erfolge herausstellt oder sich beim Buffet das größte Stück nimmt. Er ist so bekannt, dass er sich leicht abwandeln lässt: Die „Zeit“ schrieb 2003 „Schärfe ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“.
Der Ton ist ironisch und oft selbstironisch, eine halbe Entschuldigung für das eigene Vordrängen. Ernst gemeint, als Rat zur Rücksichtslosigkeit, klingt er zynisch. „Zier“ ist ein veraltetes Wort für Zierde oder Schmuck. Grammatisch wäre heute „ohne sie“ richtig. „Ohne ihr“ mit dem Dativ kam in älterem Deutsch vor und bleibt hier stehen, weil es sich auf „Zier“ reimt.
Woher kommt „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“?
Wander verzeichnet den Spruch mit der Anmerkung, er sei 1871 in Nummer 541 der „Schlesischen Zeitung“ als pommersches Sprichwort angeführt worden. Das Grimmsche Wörterbuch zitiert ihn unter ‚Zier‘ als Beispiel dafür, wie „der witz des Berliners“ eine Grundlage guter Umgangsformen verspottet. Ernst gemeinte Lobsprüche auf die Bescheidenheit sind deutlich älter. Wander führt etwa „Bescheidenheit ein schönes (das schönste) Kleid“ an und aus Henischs Wörterbuch von 1616: „Die bescheidenheit hüpsch vnd fein ist aller anderer tugent schrein.“ Ob die Zeile „Bescheidenheit ist eine Zier“ zuerst allein umlief und die Pointe später angehängt wurde, zeigen die bekannten Belege nicht. Sie überliefern den Spruch als Ganzes.
Oft wird er Wilhelm Busch zugeschrieben. Ein Beleg in Buschs Werken ist nicht bekannt, eine Busch-Website führt ihn ausdrücklich unter den angeblichen Zitaten. Auch die gelegentliche Zuschreibung an Erich Kästner kann nicht stimmen: Der Spruch ist 1871 belegt, Kästner wurde 1899 geboren. Daneben ist die Fassung „doch besser lebt man ohne ihr“ in Umlauf.
Beispiele aus dem Alltag
Bei der Gehaltsverhandlung hat Kim zwölf Prozent mehr gefordert und zehn bekommen. Abends erzählt sie ihrer Freundin: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“
Auf dem Familienfest nimmt Onkel Bernd das letzte und größte Stück Torte. Als seine Schwester die Augenbrauen hebt, sagt er kauend: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr.“
Im Bewerbungstraining redet Daniel seine Erfolge klein. Die Trainerin unterbricht ihn: „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Schreib rein, dass du das Projekt geleitet hast.“
Häufige Fragen
Ist „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“ von Wilhelm Busch?
Dafür gibt es keinen Beleg. In Buschs Werken ist der Spruch nicht nachgewiesen, eine Busch-Website führt ihn unter den angeblichen Zitaten. Wander verzeichnet ihn als Volksspruch, den die „Schlesische Zeitung“ 1871 als pommersches Sprichwort anführte.
Warum heißt es „ohne ihr“ und nicht „ohne sie“?
Heute verlangt „ohne“ den Akkusativ, richtig wäre also „ohne sie“. In älterem Deutsch kam „ohne“ laut DWDS auch mit dem Dativ vor. In „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr“ bleibt „ihr“ stehen, weil es sich auf „Zier“ reimt.
Was bedeutet „Zier“?
„Zier“ ist ein veraltetes Wort für Zierde oder Schmuck. „Bescheidenheit ist eine Zier“ heißt also: Bescheidenheit schmückt einen Menschen.
Kurzer Test
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