Dem Volk aufs Maul schauen
Kurz gesagt
Genau darauf achten, wie gewöhnliche Menschen sprechen und was sie bewegt, um sich verständlich auszudrücken oder ihre Anliegen zu erkennen.
- Gegenteil
- Hinter dem Mond leben
Was bedeutet „Dem Volk aufs Maul schauen“?
„Dem Volk aufs Maul schauen“ heißt: darauf achten, wie gewöhnliche Menschen sprechen und was sie beschäftigt, um sich selbst verständlich auszudrücken oder daraus Schlüsse für das eigene Handeln zu ziehen. Das DWDS nennt die Wendung salopp und vermerkt, dass sie häufig auf Politiker bezogen wird. Gesagt wird sie aber ebenso über Journalistinnen, Werbetexter, Übersetzer oder Lehrkräfte, die schwierige Dinge in Alltagssprache bringen sollen.
Der Ausdruck kann anerkennend oder kritisch gemeint sein. Anerkennend heißt er: nah an den Leuten, verständlich, ohne Fachjargon. Kritisch klingt er, wenn jemand nur noch nachplappert, was gerade gut ankommt. Dafür gibt es allerdings die genauere Wendung „jemandem nach dem Mund reden“. Ein Beleg im „Spiegel“ von 2002, den das DWDS zitiert, trennt beides ausdrücklich: „dem Volk aufs Maul schauen, ohne ihm nach dem Munde zu reden“. Das derbe „Maul“ ist hier kein Schimpfwort, sondern ein Echo der Sprache Luthers.
Woher kommt „Dem Volk aufs Maul schauen“?
Die Wendung geht auf Martin Luther zurück, lautet bei ihm aber anders. In seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“, den er 1530 auf der Veste Coburg schrieb, verteidigt er seine Bibelübersetzung. Man dürfe nicht die lateinischen Buchstaben fragen, wie man Deutsch reden solle, „sondern, man mus die mutter jhm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, und den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetzschen“.
Bei Luther ist also nicht vom „Volk“ die Rede, und er schreibt „sehen“, nicht „schauen“. Die heutige Kurzform fasst Mutter, Kinder und den gemeinen Mann zum Volk zusammen; wann sie aufkam, ist nicht belegt. Luthers Beispiel im selben Abschnitt ist „Wes das hertz vol ist, des gehet der mund uber“: So rede „die mutter ym haus und der gemeine man“, nicht „Auß dem uberflus des hertzen redet der mund“. „Maul“ war für den menschlichen Mund schon im Mittelhochdeutschen gebräuchlich und ist nach dem DWDS in vielen Mundarten bis heute nicht abwertend.
Beispiele aus dem Alltag
Die Agentur soll die Plakate zur Mülltrennung verständlicher machen. „Wir müssen dem Volk aufs Maul schauen, nicht ins Amtsblatt“, sagt die Texterin im Meeting.
Vor der Wahl tourt der Kandidat durch Kneipen und Vereinsheime. Ein Kommentator schreibt: „Dem Volk aufs Maul schauen ist gut, ihm nach dem Mund reden etwas anderes.“
Im Übersetzungsseminar fragt Frau Dr. Lindner: „Würde das jemand beim Bäcker so sagen? Ihr müsst dem Volk aufs Maul schauen, wie Luther es verlangt hat.“
Häufige Fragen
Von wem stammt „Dem Volk aufs Maul schauen“?
„Dem Volk aufs Maul schauen“ geht auf Martin Luther zurück. In seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ von 1530 erklärt er, dass man für eine gute Übersetzung hören müsse, wie die Leute im Haus, auf der Gasse und auf dem Markt wirklich sprechen.
Hat Luther wörtlich „dem Volk aufs Maul schauen“ geschrieben?
Nein. Luther schreibt, man müsse die Mutter im Haus, die Kinder auf der Gasse und den gemeinen Mann auf dem Markt fragen und „den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden“. Das Wort „Volk“ kommt in dem Satz nicht vor, und statt „schauen“ steht „sehen“.
Was ist der Unterschied zu „jemandem nach dem Mund reden“?
Wer dem Volk aufs Maul schaut, hört genau hin, wie Menschen sprechen und was sie bewegt. Wer jemandem nach dem Mund redet, sagt dagegen nur, was der andere hören will.
Kurzer Test
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