Der Zahn der Zeit
Kurz gesagt
Bild für die langsame, zerstörende Wirkung der Zeit: Verfall, Abnutzung und Altern von Dingen, Bauten und Menschen.
- Auf Englisch
- The ravages of time
- Time takes its toll
- Auch gesagt
- Der Zahn der Zeit nagt an etwas
- Gegenteil
- Alte Liebe rostet nicht
Was bedeutet „Der Zahn der Zeit“?
„Der Zahn der Zeit“ ist ein Bild für die zerstörende Kraft der Zeit, die alles allmählich abnutzt, verfallen und altern lässt. Meist heißt es, der Zahn der Zeit „nage“ an etwas: an einer Brücke, einem Fachwerkhaus, einem alten Auto oder einem Gemälde. Dinge, die lange halten, „trotzen dem Zahn der Zeit“, und was verfallen ist, „ist dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen“. Das DWDS nennt als zweite Bedeutung das Altern von Menschen: Auch an jemandem kann der Zahn der Zeit nagen.
Duden und DWDS ordnen die Wendung als umgangssprachlich ein. Sie steht aber ebenso in Denkmalberichten, Reiseführern und Festreden. Bei Menschen klingt sie meist humorvoll und schonend, als freundliche Umschreibung für Falten, graue Haare oder knirschende Knie. Gemeint ist immer ein langsamer Vorgang. Ein Unfall oder ein Brand ist nicht der Zahn der Zeit, eine Fassade, die über Jahrzehnte bröckelt, schon. Mit der schnell vergehenden Zeit hat das Bild nichts zu tun, sondern allein mit dem, was sie anrichtet.
Woher kommt „Der Zahn der Zeit“?
Das Bild der Zeit, die alles zernagt, ist sehr alt. Der griechische Dichter Simonides nennt die Zeit in einem Epigramm, das Stobaios überliefert, scharfzähnig: Sie zermalme alles, auch das Stärkste. Bei Ovid redet der Philosoph Pythagoras in den „Metamorphosen“ (15,234–236) die Zeit als „tempus edax rerum“ an, als gefräßige Verzehrerin der Dinge, die alles „dentibus aevi“, mit den Zähnen der Jahre, langsam zerstöre. Shakespeare schreibt in „Maß für Maß“ (5. Akt, 1. Szene) von einem Verdienst, das in Erz gegraben werden müsse, „’gainst the tooth of time“, gegen den Zahn der Zeit.
Der Duden hält die deutsche Wendung für eine Lehnübersetzung dieser Shakespeare-Stelle. Das Grimmsche Wörterbuch nennt Shakespeare ebenfalls, verweist aber zugleich auf Simonides. Gegen eine bloße Übernahme aus dem Englischen spricht, dass die Fügung im Deutschen schon im 17. Jahrhundert vorkommt, lange bevor Shakespeare übersetzt wurde. Friedrich von Logau spricht vom „argen Zahn der Zeit“, Benjamin Neukirch von Fesseln, „die nicht zernagen kan der scharffe zahn der zeit“. Woher die deutsche Fügung genau stammt, ist deshalb nicht sicher zu sagen. Fest steht nur, dass das Bild viel älter ist als Shakespeare.
Quellen
- Duden: Zahn
- DWDS: Zahn der Zeit
- Grimm: Deutsches Wörterbuch, Stichwort ‚Zahn‘
- Ovid: Metamorphosen, Buch 15, Verse 234–236
- William Shakespeare: Measure for Measure (um 1604), 5. Akt, 1. Szene
Stand:
Beispiele aus dem Alltag
Die Holzbrücke über den Dorfbach ist seit Herbst gesperrt. „Da hat der Zahn der Zeit ganze Arbeit geleistet“, sagt der Leiter des Bauamts bei der Ortsbegehung.
Beim Klassentreffen nach 25 Jahren blättert Frank durch die alten Fotos und schaut dann in die Runde. „Der Zahn der Zeit nagt auch an uns“, sagt er und lacht.
Die Restauratorin zeigt auf das Deckenfresko der Dorfkirche: „Feuchtigkeit, Kerzenruß und der Zahn der Zeit. Ohne Sanierung ist das Bild in zehn Jahren verloren.“
Häufige Fragen
Stammt „der Zahn der Zeit“ von Shakespeare?
Nicht sicher. Shakespeare schreibt in „Maß für Maß“ von „the tooth of time“, und der Duden sieht darin das Vorbild. Die deutsche Fügung ist aber schon im 17. Jahrhundert belegt, bevor Shakespeare ins Deutsche übersetzt wurde, und das Bild findet sich schon bei Simonides und Ovid.
Was bedeutet „Der Zahn der Zeit nagt“?
„Der Zahn der Zeit nagt an etwas“ heißt, dass etwas mit den Jahren verfällt, verschleißt oder altert. Gesagt wird es von Gebäuden und Gegenständen, scherzhaft auch von Menschen.
Wie sagt man „der Zahn der Zeit“ auf Englisch?
Üblich sind „the ravages of time“ und „time takes its toll“. Shakespeares „the tooth of time“ gibt es auch, es klingt im heutigen Englisch aber literarisch.
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