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Tierische Sprichwörter und Redewendungen: Bedeutung und Herkunft

Vom geschenkten Gaul bis zum Bärendienst: was tierische Sprichwörter bedeuten, woher sie nachweislich stammen und welche beliebten Erklärungen wackeln.

6 Minuten Lesezeit

Die bekanntesten tierischen Sprichwörter im Deutschen sind Der frühe Vogel fängt den Wurm, Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul und Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse. Pferde, Hühner, Katzen und Spatzen gehörten zum Alltag, deshalb taugten sie als Bilder für menschliches Verhalten. Hier stehen Bedeutung und Herkunft der wichtigsten Tier-Sprichwörter und Redewendungen. Wo die Herkunft nicht geklärt ist, steht das auch da.

Die bekanntesten Tier-Sprichwörter

Der frühe Vogel fängt den Wurm

Wer früh dran ist, hat die besten Chancen. Das Sprichwort ist eine Lehnübersetzung aus dem Englischen: „The early bird catches the worm“ ist dort seit dem 17. Jahrhundert belegt, als ältester Beleg gilt die Sprichwortsammlung von John Ray (1670). Das ältere deutsche Gegenstück lautet Morgenstund hat Gold im Mund. Wie beliebt der englische Import inzwischen ist, zeigt seine bekannteste Parodie: „Der frühe Vogel kann mich mal.“

Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul

Wer etwas geschenkt bekommt, soll es nicht kritisch prüfen. Das Bild stammt vom Pferdekauf: Am Gebiss lässt sich das Alter eines Pferdes ablesen, wer also ins Maul schaut, prüft, ob das Tier etwas taugt. Bei einem Geschenk gilt das als unhöflich. Das Sprichwort ist sehr alt. Schon der Kirchenvater Hieronymus zitierte es Ende des 4. Jahrhunderts als gängigen Spruch: Einem geschenkten Pferd solle man nicht die Zähne prüfen („noli equi dentes inspicere donati“). „Gaul“ ist ein altes, heute meist abschätziges Wort für Pferd.

Besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach

Besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach rät, lieber etwas Kleines sicher zu haben, als auf etwas Großes zu hoffen, das man vielleicht nie bekommt. Die Taube ist größer und begehrter als der Spatz, aber sie sitzt auf dem Dach und ist nicht zu greifen. Andere Sprachen erzählen dasselbe mit anderen Vögeln: Im Englischen ist ein Vogel in der Hand zwei im Gebüsch wert („A bird in the hand is worth two in the bush“), im Russischen ist die Meise in der Hand besser als der Kranich am Himmel. Auch ältere deutsche Fassungen setzen statt der Taube einen Storch oder Kranich aufs Dach.

Wenn die Katze aus dem Haus ist, tanzen die Mäuse

Fehlt die Aufsicht, nehmen sich die Untergebenen Freiheiten heraus: die Klasse ohne Lehrerin, das Büro ohne Chef. Das Sprichwort gibt es fast wörtlich im Englischen („When the cat’s away, the mice will play“) und im Französischen („Quand le chat n’est pas là, les souris dansent“). Im Deutschen ist es spätestens seit dem 16. Jahrhundert belegt, etwa in Georg Rollenhagens Tierepos „Froschmeuseler“ von 1595.

Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn

Ein Huhn pickt den Boden ab und findet Körner, weil es sie sieht. Ein blindes Huhn pickt aufs Geratewohl und trifft trotzdem gelegentlich. Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn ist deshalb ein vergiftetes Lob: Es erkennt den Erfolg an und erklärt ihn im selben Satz zum Zufall. Gedruckt steht das Sprichwort schon 1605 in Friedrich Petris Sammlung „Der Teutschen Weißheit“.

Der Fisch stinkt vom Kopf her

Wenn eine Firma, ein Verein oder ein Staat verrottet, liegt das Problem an der Spitze. Der Fisch stinkt vom Kopf her ist in vielen Sprachen verbreitet, etwa im Englischen, Italienischen, Russischen und Türkischen. Der früheste sichere Beleg steht bei Erasmus von Rotterdam, der es in seine Sammlung „Adagia“ aufnahm („Piscis primum a capite foetet“) und auf schlechte Fürsten bezog. Biologisch stimmt das Bild übrigens nur halb: Fischhändler prüfen die Frische zwar an Kiemen und Augen, verderben tut ein Fisch aber zuerst von den Eingeweiden her. Als Satz über Führung funktioniert es trotzdem.

Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen

Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen beschreibt eine abgelegene Gegend, in der kaum Menschen leben. Der Witz liegt im Bild: Jäger und Gejagter wünschen sich nur dort friedlich eine gute Nacht, wo niemand sonst unterwegs ist. Eine Vorform steht in Grimmelshausens „Simplicissimus“ (1668): Der Hof, auf dem der Held aufwächst, liegt im Spessart, „allwo die Wölfe einander gute Nacht geben“. Aus Wölfen und Füchsen wurden später Fuchs und Hase, das bekannte Paar aus Fabeln und Tiergeschichten.

Jedem Tierchen sein Pläsierchen

Jedem Tierchen sein Pläsierchen heißt: Jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden, auch wenn andere seine Vorlieben seltsam finden. „Pläsier“ ist das eingedeutschte französische „plaisir“, Vergnügen. Der Spruch kommt aus dem Berlin des 19. Jahrhunderts: Ein Text von 1863 zitiert „Jedes Thierchen hat sein Plaisirchen“ ausdrücklich als Berliner Redensart. Weiter verbreitet hat ihn Ende der 1880er-Jahre ein Gedichtband von Edwin Bormann mit Zeichnungen von Adolf Oberländer, der „Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen“ hieß. Erfunden hat Bormann den Spruch nicht.

Redewendungen mit belegter Herkunft

Eulen nach Athen tragen

Etwas dorthin bringen, wo es schon im Überfluss vorhanden ist. Die Wendung stammt aus der Komödie „Die Vögel“ von Aristophanes, uraufgeführt 414 v. Chr. Dort fragt eine Figur beim Anblick einer Eule, wer denn eine Eule nach Athen gebracht habe. Eulen gab es in Athen reichlich, sie waren der Vogel der Stadtgöttin Athene und prangten auf den athenischen Silbermünzen. Die griechische 1-Euro-Münze trägt das Eulenmotiv der antiken Silbermünze.

Jemandem einen Bärendienst erweisen

Eine gut gemeinte Hilfe, die schadet. Die Redewendung geht wahrscheinlich auf Jean de La Fontaines Fabel „L’Ours et l’Amateur des jardins“ von 1678 zurück. Ein Bär will den Schlaf seines Freundes, eines alten Gärtners, schützen und eine Fliege von dessen Gesicht vertreiben. Er wirft einen Pflasterstein nach ihr und erschlägt dabei den Freund.

Krokodilstränen weinen

Geheuchelte Trauer. Die Fabel, ein Krokodil beweine die Menschen, die es frisst, lässt sich bis etwa 400 n. Chr. zurückverfolgen. Später hieß es, das Tier weine, um seine Opfer anzulocken. Erasmus von Rotterdam führte „Krokodilstränen“ um 1500 als Sprichwort an, im Deutschen ist der Ausdruck seit dem 16. Jahrhundert belegt.

Der Sündenbock

Der Sündenbock stammt aus der Bibel. Im 3. Buch Mose (Kapitel 16) wird beschrieben, wie am Versöhnungstag die Sünden des Volkes auf einen Bock gelegt werden, der dann in die Wüste getrieben wird. Das deutsche Wort ist seit dem 17. Jahrhundert belegt. Die heutige Bedeutung, jemand, dem man ohne eigene Schuld alles anlastet, kam Ende des 18. Jahrhunderts auf.

Der Pechvogel

Vögel fing man früher mit Zweigen, die mit Pech oder Leim bestrichen waren. Wer daran kleben blieb, war ein Pechvogel. „Pech haben“ im Sinne von Unglück verbreitete sich im 18. Jahrhundert aus der Studentensprache.

Die Eselsbrücke

Oft wird erzählt, Esel scheuten das Wasser, deshalb habe man ihnen kleine Brücken über Bäche gebaut. Belegt ist das nicht. Das Wort ist eine Lehnübersetzung des mittellateinischen „pons asinorum“, Brücke der Esel. So hieß in der scholastischen Logik eine schematische Zeichnung, die schwächeren Schülern Begriffsverhältnisse veranschaulichte. Im Deutschen ist „Eselsbrücke“ seit dem 16. Jahrhundert belegt.

Herkunft unsicher: Warum heißt der Kater Kater?

Mit dem Tier hat der Kater nach einer durchzechten Nacht vermutlich wenig zu tun. Das Wort taucht in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in der Sprache Leipziger oder Jenaer Studenten auf. Die verbreitete Erklärung lautet: „Kater“ sei die sächsische Aussprache von „Katarrh“, einer Schleimhautentzündung. Für diese Deutung spricht, dass schon 1793 von einem „physischen und moralischen Catarrh“ die Rede ist, und das etymologische Wörterbuch von Wolfgang Pfeifer hält sie für naheliegend. Bewiesen ist sie nicht, und manche halten sie für eine nachträgliche Volksetymologie, also eine Erklärung, die passend klingt, aber im Rückblick zurechtgelegt wurde.

Sicherer ist ein anderer Einfluss: Es gab schon vorher den gleichbedeutenden „Katzenjammer“, und Tiernamen für Rausch und Elend waren ohnehin beliebt, man denke an den „Affen“, den man sich antrinkt. Ob der Kater also vom Katarrh kommt, vom Katzenjammer oder von beidem, bleibt offen. Wer die Katarrh-Geschichte erzählt, sollte ein „vermutlich“ davorsetzen.

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