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Die 10 bekanntesten deutschen Sprichwörter und ihre Bedeutung

Die zehn bekanntesten deutschen Sprichwörter als Liste: was sie bedeuten und was über ihre Herkunft wirklich belegt ist, von der Bibel bis zum Mühlenrecht.

6 Minuten Lesezeit

Manche Sprichwörter muss man niemandem erklären. Sagt jemand den Anfang, ergänzt das Gegenüber den Rest, ohne nachzudenken. Die folgenden zehn gehören zu den bekanntesten und beliebtesten deutschen Sprichwörtern überhaupt. Zu jedem findest du die Bedeutung in wenigen Sätzen und das, was über die Herkunft tatsächlich belegt ist. Eine allgemein anerkannte Rangliste gibt es nicht; die Reihenfolge ist unsere redaktionelle Einschätzung. Wie sie zustande kommt, steht am Ende.

Die Liste

1. Morgenstund hat Gold im Mund

Wer früh anfängt, schafft mehr, denn die ersten Stunden des Tages gelten als die ergiebigsten. Heute wird der Satz oft halb im Spaß zitiert, meistens gegenüber Leuten, die morgens nicht aus dem Bett kommen.

Vermutlich ist er eine Übertragung des Gelehrtenspruchs „Aurora musis amica“ (die Morgenröte ist den Musen freund), den Erasmus von Rotterdam schon 1497 in einem Brief verwendet. Ältere deutsche Fassungen hatten statt Gold auch Brot oder Arbeit im Mund; richtig populär wurde die heutige Form erst im 19. Jahrhundert.

2. Aller Anfang ist schwer

Neue Aufgaben fallen am Anfang schwer, mit der Zeit wird es leichter. Das Sprichwort tröstet und ermutigt zugleich: Wer gerade kämpft, ist nicht unfähig, sondern Anfänger.

Im Lateinischen heißt es „Omne initium difficile“. Karl Friedrich Wilhelm Wander verzeichnet die deutsche Form aus zahlreichen älteren Sammlungen, dazu Spottversionen wie: „Aller Anfang ist schwer, sagte der Dieb und stahl einen Amboss.“ Goethe hielt dagegen, eigentlich sei aller Anfang leicht, erst die letzten Stufen seien schwer.

3. Lügen haben kurze Beine

Lügen kommen nicht weit, früher oder später fliegen sie auf. Eltern sagen es zu Kindern, Kommentatoren zu Politikern. Der Satz ist Mahnung und Vorhersage in einem.

Wander führt ihn mit älteren Varianten wie „Lügen haben keine Beine“ oder „kurze Fersen“, und das Dänische und Niederländische kennen dasselbe Bild. Wie lebendig es geblieben ist, zeigt ein Demonstrationsspruch aus der Wendezeit, gemünzt auf Egon Krenz: „Lügen haben kurze Beine! Egon, zeig uns doch mal Deine!“

4. Übung macht den Meister

Können entsteht durch Wiederholung, nicht durch Talent allein. Man sagt es beim Klavierüben, beim Einparken und überall dort, wo es am Anfang noch holpert.

Ältere Sammlungen kennen „Tägliche Übung macht gute Meister“, und lateinische Spruchsammlungen nennen die Übung den besten Lehrmeister. In Jung-Stillings Lebensgeschichte von 1780 heißt es bereits fast wie heute: „Übung macht endlich den Meister.“

5. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein

Wer anderen schaden will, schadet am Ende sich selbst. Gemeint ist kein Zufall, sondern eine Art Gerechtigkeit: Die Falle schnappt beim Fallensteller zu.

Das Sprichwort stammt aus der Bibel. In den Sprüchen Salomos (26,27) heißt es „Wer eine Grube gräbt, der fällt hinein“, ähnlich im Buch Prediger (10,8) und in Psalm 7. Das Bild ist die Fallgrube, in die eigentlich ein anderer stürzen soll.

6. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

Kinder ähneln ihren Eltern, manchmal im Aussehen, öfter in Eigenschaften und Macken. Der Satz kann anerkennend klingen, wird aber meist spöttisch gebraucht, wenn sich eine Schwäche vererbt hat.

Eine frühe Fassung mit „Baum“ statt „Stamm“ findet sich 1562 bei dem Prediger Johannes Mathesius. Wander hielt in seinem Lexikon wenig davon: Gäbe es eine Statistik, schrieb er, würde sie zeigen, dass der Apfel nur ausnahmsweise nah am Stamm liegt.

7. Es ist nicht alles Gold, was glänzt

Der schöne Schein trügt: Was wertvoll aussieht, muss es nicht sein. Das gilt für Angebote, Menschen und Lebensläufe gleichermaßen.

Das Sprichwort ist erstaunlich alt. Der Pfaffe Konrad, der Dichter des Rolandslieds, nennt es um 1170 schon ein „altsprochen wort“, ein altes Wort, und schreibt: „iz enist nicht allez gold daz da glizzit“. Im Englischen ist es vor allem durch Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ berühmt: „All that glisters is not gold“.

8. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen

Erledige Dinge, solange sie klein sind; aufgeschoben werden sie meist größer. Oft wird nur die erste Hälfte zitiert, den Rest kennt ohnehin jeder.

Den Rat gibt es in vielen Sprachen. Wanders Lexikon führt ihn unter anderem ungereimt („Was du heute thun kannst, verschiebe nicht auf morgen“) und vermerkt, dass Thomas Jefferson ihn als erste seiner zehn Lebensregeln notiert hatte. Durchgesetzt hat sich im Deutschen die gereimte Fassung.

9. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold

Reden hat seinen Wert, Schweigen ist im Zweifel mehr wert, etwa im Streit oder wenn man nichts Gutes zu sagen hat. Ironisch richtet man den Satz gern an Leute, die nicht aufhören können zu reden.

Die genaue Herkunft ist unklar. Die Bibel kennt eine Zeit zum Schweigen und eine zum Reden (Prediger 3,7). Der schottische Autor Thomas Carlyle zitierte 1833/34 in „Sartor Resartus“ eine „Schweizer Inschrift“ mit dem Wortlaut „Sprechen ist silbern, Schweigen ist golden“; auf ihn geht das englische „Silence is golden“ zurück.

10. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst

Wer früher da ist, ist früher dran. Der Satz regelt Warteschlangen, Liegestühle am Hotelpool und die letzten Plätze im Volkshochschulkurs.

Er stammt aus dem Mühlenrecht. Im Sachsenspiegel, den Eike von Repgow zwischen etwa 1220 und 1235 verfasste, steht: „Die ok irst to der molen kumt, die sal erst malen“. Wer sein Korn zuerst zur Mühle brachte, durfte es also zuerst mahlen lassen.

Knapp dahinter

Diese Sprichwörter hätten ebenso gut auf der Liste stehen können:

Was die zehn gemeinsam haben

Alle zehn sind ganze Sätze, die ohne Zusammenhang verständlich sind. Die meisten arbeiten mit einem starken Bild: Gold, Grube, Apfel, Mühle. Und viele haben einen Klang, der hängen bleibt, etwa den Reim von „Stund“ und „Mund“ oder den Gegensatz von Silber und Gold. Warum das beim Merken hilft, erklärt unser Artikel über Reim und Stilmittel in Sprichwörtern.

Auffällig ist auch, wie verschieden ihre Quellen sind. Die Grube kommt aus der Bibel, die Mühle aus dem mittelalterlichen Recht, die Morgenstunde vermutlich aus dem Gelehrtenlatein, das Gold ist schon in der Dichtung des 12. Jahrhunderts ein „altes Wort“. Ein deutsches Sprichwort ist also nicht automatisch „deutschen Ursprungs“. Wie diese Mischung entstanden ist, zeigt die Geschichte der deutschen Sprichwörter.

Wie diese Rangfolge zustande kommt

Es gibt keine amtliche Hitliste der Sprichwörter. Die Sprichwortforschung hat aber Methoden entwickelt, um Bekanntheit zu messen. Der russische Forscher Grigorij Permjakov prägte in den 1970er Jahren die Idee eines „parömischen Minimums“: des Bestands an Sprichwörtern, den fast alle Sprecher einer Sprache kennen. Für das Deutsche haben unter anderem Peter Grzybek, Christoph Chlosta und Rupprecht S. Baur seit Anfang der 1990er Jahre solche Befragungen durchgeführt.

Typisch ist dabei der Ergänzungstest: Die Befragten bekommen nur den Anfang, etwa „Morgenstund hat …“, und sollen den Rest ergänzen. So lässt sich echte Kenntnis von bloßem Wiedererkennen trennen.

Unsere Reihenfolge stützt sich nicht auf eine einzelne dieser Studien. Sie ist eine redaktionelle Einschätzung danach, wie selbstverständlich die Sprichwörter im Alltag, in Schulmaterialien und in Zeitungstexten vorkommen. Über einzelne Plätze lässt sich streiten. Wer seinen Favoriten vermisst, findet ihn vielleicht in unserer Übersicht aller Sprichwörter.

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