Kuriose Sprichwörter und Redewendungen: Woher sie wirklich stammen
Ein Student beim Verhör, ein Rechtsbuch über Mühlen, ein englischer Pudding: Die belegte Herkunft mancher Sprichwörter ist kurioser als jede Legende.
5 Minuten Lesezeit
Manche Redewendungen haben eine Herkunft, die man sich kaum ausdenken könnte: ein Student, der beim Verhör seinen Namen nennt, ein mittelalterliches Rechtsbuch über Mühlen, ein englischer Roman mit einer Wurst. Hier stehen Sprichwörter und Redewendungen, deren Geschichte belegt ist. Dazu kommen zwei beliebte Erklärungen, die man mit Vorsicht genießen sollte.
Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts
Mit dem Tier hat dieser Satz nichts zu tun, er stammt aus einer Vernehmung. Victor Hase, Jurastudent aus Jena, wechselte im Herbst 1854 an die Universität Heidelberg. Dort hatte ein Kommilitone einen anderen Studenten im Duell erschossen und wollte über Straßburg fliehen, um sich bei der Fremdenlegion zu melden. Dafür brauchte er Papiere, und Hase verlor „zufällig“ seinen Studentenausweis. Der Flüchtige warf die Karte nach dem Grenzübertritt weg, sie wurde gefunden und nach Heidelberg zurückgeschickt.
Bei der Untersuchung sagte Hase: „Mein Name ist Hase, ich verneine die Generalfragen, ich weiß von nichts.“ Die Generalfragen waren die üblichen Fragen zur Person. Der Satz machte an deutschen und niederländischen Universitäten die Runde und wurde zur Redensart für demonstrative Ahnungslosigkeit. Übrigens hieß der Urheber nie „von Hase“, wie oft zu lesen ist: Den Adelstitel erhielt sein Vater, der Kirchenhistoriker Karl Hase, erst 1883, mehr als zwanzig Jahre nach Victors Tod.
Etwas auf dem Kerbholz haben
Wer etwas auf dem Kerbholz hat, hat sich etwas zuschulden kommen lassen. Das Bild stammt aus der Buchhaltung. Ein Kerbholz war ein Stab, in den man Kerben für Schulden schnitt. Danach wurde er der Länge nach gespalten: Gläubiger und Schuldner bekamen je eine Hälfte. Legte man beide wieder zusammen, sah jeder sofort, ob jemand nachträglich Kerben ergänzt oder das Holz manipuliert hatte. In Europa war das Verfahren etwa ab dem 10. bis 12. Jahrhundert verbreitet und galt vor Gericht als Beweis. Ursprünglich hieß „etwas auf dem Kerbholz haben“ also schlicht „Schulden haben“, erst später wurde daraus die moralische oder strafrechtliche Schuld.
Wie lange das Holz in Gebrauch war, zeigt eine Episode aus London. Die Bank von England rechnete noch bis 1826 mit Kerbhölzern. Als man 1834 die ausgemusterten Kerbhölzer der königlichen Finanzverwaltung verbrannte, geriet das Feuer außer Kontrolle: Am 16. Oktober 1834 brannte der Palast von Westminster, der Sitz des Parlaments, zum größten Teil nieder.
Mit dem ist nicht gut Kirschen essen
„Mit dem ist nicht gut Kirschen essen“, sagt man heute über jemanden, mit dem man sich besser nicht anlegt. Die Redewendung ist die Kurzform eines alten Sprichworts: „Mit großen Herren ist nicht gut Kirschen essen.“ Ältere Fassungen sagen auch, warum: Die Herren würfen einem die Stiele in die Augen oder spuckten einem die Kerne ins Gesicht. Kirschen waren damals ein Luxus der Vornehmen, und das Sprichwort warnte einfache Leute davor, sich mit Mächtigen gemein zu machen.
Schon um 1350 steht der Gedanke in der Fabelsammlung „Der Edelstein“ des Berner Dominikaners Ulrich Boner: Es sei nicht gut, mit Herren Kirschen zu essen. Boners Sammlung gehörte später zu den ersten gedruckten Büchern mit Holzschnitten, gedruckt um 1461 von Albrecht Pfister in Bamberg.
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst wird oft falsch geschrieben, nämlich mit „malt“. Richtig ist „mahlt“, denn es stammt aus dem Mühlenrecht. Der Sachsenspiegel, das Rechtsbuch, das Eike von Repgow um 1220 bis 1235 aufschrieb, regelte unter anderem, in welcher Reihenfolge die Bauern ihr Getreide mahlen lassen durften: Wer zuerst an der Mühle war, kam zuerst dran. Aus der Rechtsregel wurde ein Alltagsgrundsatz, den das Englische als „first come, first served“ kennt.
Aus der Literatur in den Alltag
Einige Sätze, die heute wie uraltes Volksgut klingen, haben Dichter bekannt gemacht oder erfunden:
- Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen machte Christoph Martin Wieland bekannt, vor allem mit seiner Versdichtung „Musarion“ (1768): „Sie sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht.“ Erfunden hat er das Bild nicht, im Englischen ist es schon im 16. Jahrhundert belegt.
- Die Axt im Haus erspart den Zimmermann sagt Wilhelm Tell in Schillers gleichnamigem Drama von 1804 (3. Aufzug, 1. Szene). Er hat gerade sein Hoftor repariert und bricht gleich nach Altdorf auf, wo ihn der Apfelschuss erwartet.
- Dem Glücklichen schlägt keine Stunde geht ebenfalls auf Schiller zurück. In „Die Piccolomini“ (1799) heißt es: „Die Uhr schlägt keinem Glücklichen.“ Das Sprichwort ist eine Umformung dieses Verses.
Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei
Viele halten Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei für eine Erfindung von Stephan Remmler, dessen Lied 1987 auf Platz 3 der deutschen Charts stand. Remmler sagte selbst, er habe den Spruch schon in seiner Jugend gekannt. Die Spur führt nach England. In Francis Beaumonts Komödie „The Knight of the Burning Pestle“ (gedruckt 1613) heißt es sinngemäß, alles habe ein Ende, ein „pudding“ aber zwei. Gemeint ist kein Dessert: Ein Pudding war im älteren Englisch auch eine Art Wurst, wie heute noch beim Black Pudding, der Blutwurst.
Ins Deutsche kam der Scherz vermutlich über Walter Scotts Roman „Woodstock“ von 1826. Dort sagt ein Bürgermeister, jedes Ding habe ein Ende, ein Pudding aber zwei, und die deutsche Übersetzung machte aus dem Pudding eine Wurst. 1867 stand der Spruch schon in Wanders „Deutschem Sprichwörter-Lexikon“: „Es hat alles ein Ende, nur die Wurst hat zwei.“
Schön erzählt, aber nicht belegt
Guten Rutsch
Jedes Jahr zu Silvester liest man, „Guten Rutsch“ komme vom hebräischen Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrsfest. Die Sprachforschung ist skeptisch. Der Germanist Walter Röll hielt 2002 dagegen, dass das Fest im Westjiddischen „rausch haschone“ hieß, was von „Rutsch“ weit entfernt ist, und dass jüdisches und christliches Neujahr nicht auf denselben Tag fallen.
Besser belegt ist eine schlichtere Erklärung: „Rutschen“ bedeutete scherzhaft „reisen, fahren“. Goethe schrieb, sonntags rutsche man aufs Land. „Guten Rutsch“ war um 1820 ein Reisewunsch, als Neujahrsgruß taucht er erst um 1900 auf, verbreitet vermutlich durch Bildpostkarten. Man wünscht also eine gute Fahrt ins neue Jahr.
Hals- und Beinbruch
Der Glückwunsch, der nach Unglück klingt, soll aus dem Jiddischen stammen: „hatsloche un broche“, Erfolg und Segen, was deutsche Ohren zu „Hals- und Beinbruch“ umgedeutet hätten. Die Erklärung ist plausibel und wird oft wiederholt, bewiesen ist sie nicht. Es gibt eine zweite Deutung: Man wünscht absichtlich das Gegenteil, um das Schicksal zu überlisten, das gute Wünsche gern ins Gegenteil verkehrt. Dafür gibt es immerhin einen alten Beleg: Ende des 19. Jahrhunderts galt es in der Gegend um Berlin als Unglück, einem Jäger ausdrücklich „viel Glück“ zu wünschen. Welche Erklärung stimmt, ist offen.
Woran man eine gute Erklärung erkennt
Die belegten Geschichten oben haben etwas gemeinsam: Es gibt einen Text, ein Datum oder eine Person, die man nachprüfen kann, etwa den Sachsenspiegel, Boners Fabeln oder Scotts Roman. Unsichere Erklärungen erkennt man an Formeln wie „soll“, „angeblich“ oder „im Mittelalter pflegte man“, ohne dass eine Quelle folgt. Oft ist die nüchterne Wahrheit ohnehin kurioser als die Legende. Wer hätte gedacht, dass hinter einer deutschen Karnevalsnummer ein englisches Theaterstück aus der Zeit Shakespeares steckt?
Weiterlesen
Alle Artikel- Sprichwort, Redewendung oder Zitat? Arten und Kategorien deutscher SprichwörterWas ein Sprichwort von Redewendung, Zitat, Bauernregel und Aphorismus unterscheidet und welche Typen es gibt: Erfahrungssätze, Urteile, Warnungen und Regeln.
- Die 10 bekanntesten deutschen Sprichwörter und ihre BedeutungDie zehn bekanntesten deutschen Sprichwörter als Liste: was sie bedeuten und was über ihre Herkunft wirklich belegt ist, von der Bibel bis zum Mühlenrecht.
- Abgewandelte Sprichwörter: Antisprichwörter, Parodien und Sprichwort-Mischungen„Wer anderen eine Grube gräbt, hat ein Grubengrabgerät“: wie verdrehte Sprichwörter funktionieren, welche Techniken es gibt und warum der Witz nur mit dem Original klappt.