Biblische Sprichwörter: Bibelstellen, Wortlaut und Bedeutung heute
Hochmut kommt vor dem Fall, Perlen vor die Säue: Welche Sprichwörter aus der Bibel stammen, wo genau sie stehen und was sie heute meinen.
7 Minuten Lesezeit
Viele Sprichwörter, die wir jeden Tag benutzen, stehen fast wörtlich in der Bibel, meist in der Fassung von Martin Luther. Hochmut kommt vor dem Fall stammt aus den Sprüchen Salomos (Sprüche 16,18), Wer Wind sät, wird Sturm ernten aus dem Propheten Hosea (Hosea 8,7), „Perlen vor die Säue werfen“ aus der Bergpredigt (Matthäus 7,6). Hier findest du die bekanntesten biblischen Sprichwörter und Redewendungen mit genauer Bibelstelle, dem Wortlaut der Lutherbibel 2017 und ihrer Bedeutung heute. Am Ende stehen ein paar Sätze, die nur biblisch klingen, darunter „Geteiltes Leid ist halbes Leid“.
Warum so viele Sprichwörter aus der Bibel stammen
Die Bibel war lange das Buch, das fast jeder kannte, auch wer nicht lesen konnte: aus Gottesdienst, Predigt und Katechismusunterricht. Ein Teil von ihr ist schon im Original eine Sprichwortsammlung. Das Buch der Sprüche, bei Luther „Die Sprüche Salomos“, besteht zum großen Teil aus kurzen Merksätzen über Fleiß, Hochmut, Reden und Schweigen. Ähnlich gebaut sind der Prediger Salomo und das Buch Jesus Sirach.
Dazu kommt Luther selbst. Sein Neues Testament erschien 1522, die vollständige Bibel 1534. Er wollte so übersetzen, wie die Leute tatsächlich sprachen. In seinem „Sendbrief vom Dolmetschen“ von 1530 schreibt er, man müsse die Mutter im Haus, die Kinder auf der Gasse und den einfachen Mann auf dem Markt fragen und ihnen „auf das Maul sehen“. Sein Paradebeispiel ist Matthäus 12,34. Wörtlich aus dem Lateinischen hieße der Vers „Aus dem Überfluss des Herzens redet der Mund“. Luther schrieb stattdessen: „Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über.“ Erfunden hat er diese Wendung nicht, sie war schon vor ihm im Umlauf. Aber erst seine Bibel hat sie überall bekannt gemacht, und so ging es vielen anderen Formulierungen auch.
Die bekanntesten biblischen Sprichwörter mit Bibelstelle
Hochmut kommt vor dem Fall (Sprüche 16,18)
Der ganze Vers lautet bei Luther: „Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.“ Die zweite Hälfte hat sich selbstständig gemacht. Heute ist der Satz eine Warnung an alle, die sich für unangreifbar halten: den Tabellenführer, der den Aufsteiger unterschätzt, oder die Chefin, die keinen Widerspruch mehr hört. Oft fällt er auch hinterher, mit einem Schuss Schadenfreude.
Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein (Sprüche 26,27)
Das Bild kommt in der Bibel gleich mehrfach vor. In Sprüche 26,27 heißt es: „Wer eine Grube gräbt, der wird hineinfallen“. Ähnlich steht es in Psalm 7,16, Prediger 10,8 und Jesus Sirach 27,26. Gemeint ist die Fallgrube, mit der man Tiere fing. Das Wort „anderen“ steht in keiner dieser Stellen. Es kam erst im Sprichwort dazu und macht klar, worum es geht: Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein meint, dass Hinterlist auf den Urheber zurückfällt. Das passt auf die Intrige im Büro genauso wie auf den Betrüger, der über seine eigene Lüge stolpert.
Wer Wind sät, wird Sturm ernten (Hosea 8,7)
Bei Luther: „Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten.“ Der Prophet Hosea wirft dem Nordreich Israel vor, Könige ohne Gottes Willen einzusetzen und Götzenbilder aus Silber und Gold zu verehren. Die Folgen, so seine Drohung, werden viel heftiger ausfallen als die Tat. Heute hört man den Satz vor allem in Politik und Nachrichten: Wer Hass schürt oder einen Konflikt anheizt, muss mit einer Reaktion rechnen, die ihm über den Kopf wächst.
Wie die Saat, so die Ernte (Galater 6,7)
Paulus schreibt an die Galater: „Denn was der Mensch sät, das wird er ernten.“ Und an die Korinther: „Wer da kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer da sät im Segen, der wird auch ernten im Segen“ (2. Korinther 9,6). Wie die Saat, so die Ernte ist die knappe Form davon. Anders als beim Sturm geht es hier nicht nur um Strafe. Der Satz gilt auch im Guten: für Training, Lernen oder Freundschaften, in die man etwas steckt.
Glaube versetzt Berge (1. Korinther 13,2)
Die Wendung geht auf ein Wort Jesu zurück: Wer Glauben habe wie ein Senfkorn, könne zu einem Berg sagen „Heb dich dorthin!“, und er werde sich heben (Matthäus 17,20, ähnlich Markus 11,23). Das Berge-Versetzen selbst steht bei Paulus im sogenannten Hohelied der Liebe: „und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.“ Ausgerechnet dort dient der bergeversetzende Glaube also als Beispiel für etwas, das ohne Liebe nichts wert ist. Im Alltag meint Glaube versetzt Berge meist ganz weltlich: Wer fest an eine Sache glaubt, schafft mehr, als andere für möglich halten.
Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu (Tobit 4,15)
Der Reim steht im Buch Tobit, das in der Lutherbibel zu den Apokryphen gehört. Dort gibt der alte Tobit seinem Sohn Tobias Regeln für das Leben mit, und in der Lutherbibel 2017 lautet die Stelle genau wie das Sprichwort. Die positive Fassung steht in der Bergpredigt: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!“ (Matthäus 7,12). Man nennt sie die Goldene Regel. Ganz ähnliche Sätze gibt es auch außerhalb der Bibel, etwa bei Konfuzius. Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu ist heute vor allem ein Satz aus der Kindererziehung, gut zu merken dank Reim.
Redewendungen aus der Bibel
Neben ganzen Sprichwörtern hat die Bibel Dutzende Redewendungen geliefert. Eine Auswahl:
- Perlen vor die Säue werfen (Matthäus 7,6): etwas Wertvolles an Leute verschwenden, die es nicht zu schätzen wissen.
- Den Splitter im fremden Auge sehen, aber nicht den Balken im eigenen (Matthäus 7,3): anderen kleine Fehler vorhalten und die eigenen großen übersehen. Verwandt ist Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen, das selbst aber nicht aus der Bibel stammt.
- Sein Licht unter den Scheffel stellen (Matthäus 5,15): die eigenen Fähigkeiten verstecken. Der Scheffel war ein Hohlmaß für Getreide, also ein Gefäß, unter dem die Lampe nichts mehr nützt.
- Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach (Matthäus 26,41): Jesus sagt das im Garten Gethsemane zu den Jüngern, die eingeschlafen sind. Heute die Standardausrede für das abgebrochene Fitnessprogramm.
- Wer sucht, der findet (Matthäus 7,7 f.): Bei Jesus ein Versprechen an die Betenden, heute eine Ermutigung, nicht aufzugeben.
- Auge um Auge, Zahn um Zahn (2. Mose 21,24): Das klingt nach Rache, war aber als Begrenzung gedacht. Die Strafe soll dem Schaden entsprechen und nicht darüber hinausgehen. In der Bergpredigt setzt Jesus dem das Hinhalten der anderen Wange entgegen (Matthäus 5,38 f.).
- Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen (2. Thessalonicher 3,10): Paulus richtet sich an Gemeindemitglieder, die sich von anderen durchfüttern ließen. In politischen Debatten wird der Satz gern ohne diesen Zusammenhang zitiert.
- Der Mensch denkt, Gott lenkt: geht auf Sprüche 16,9 zurück: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“
- Alles hat seine Zeit (Prediger 3,1): Bei Luther „Ein jegliches hat seine Zeit“. Aus demselben Buch stammt „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ (Prediger 1,9).
- Seine Hände in Unschuld waschen (Psalm 26,6 und Matthäus 27,24): Pilatus wäscht sich vor der Menge die Hände, um zu zeigen, dass er an Jesu Tod keine Schuld tragen will.
Klingt biblisch, steht aber nicht in der Bibel
Geteiltes Leid ist halbes Leid
Wer nach „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ in der Bibel sucht, findet keinen Vers. Die bekannte Form geht auf den Dichter Christoph August Tiedge zurück. In seinem Lehrgedicht „Urania“ von 1801 heißt es: „Geteilte Freud’ ist doppelt Freude, geteilter Schmerz ist halber Schmerz.“ Den Gedanken kannte schon Cicero: In seiner Schrift über die Freundschaft beschreibt er, dass Freundschaft Glück heller und Unglück leichter macht, weil man es teilt.
Biblisch verwandt sind zwei Stellen, die oft zum Trost zitiert werden: „Einer trage des andern Last“ (Galater 6,2) und „Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden“ (Römer 12,15). Auch der Prediger lobt die Gemeinschaft: „So ist’s ja besser zu zweien als allein“ (Prediger 4,9). Wer Geteiltes Leid ist halbes Leid auf eine Trauerkarte schreibt, liegt also inhaltlich nah an der Bibel. Eine Bibelstelle sollte er aber nicht darunter setzen.
Reden ist Silber, Schweigen ist Gold
Auch Reden ist Silber, Schweigen ist Gold steht nicht in der Bibel, obwohl die Sprüche Salomos ganz ähnlich denken: „Auch ein Tor, wenn er schwiege, würde für weise gehalten und für verständig, wenn er den Mund hielte“ (Sprüche 17,28).
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst
Wer zuerst kommt, mahlt zuerst stammt nicht aus der Bibel, sondern aus dem Recht. Der Sachsenspiegel, ein Rechtsbuch aus dem 13. Jahrhundert, regelte damit die Reihenfolge an der Mühle: Wer sein Korn zuerst brachte, durfte zuerst mahlen lassen.
So prüfst du selbst, ob ein Spruch biblisch ist
Am schnellsten geht es mit einer Online-Bibel: ein markantes Wort wie „Grube“ oder „Scheffel“ eingeben und die Lutherbibel wählen. Viele Sprichwörter hängen an Luthers Wortlaut, in neueren Übersetzungen klingen dieselben Verse oft ganz anders. Findest du in keiner Übersetzung einen passenden Vers, ist der Spruch wohl nur biblisch im Ton, so wie Tiedges geteiltes Leid.
Weiterlesen
Alle Artikel- Geschichte der deutschen Sprichwörter: Ursprung, Sammler und ForschungWoher deutsche Sprichwörter kommen und wer sie gesammelt hat: von Bibel und Sachsenspiegel über Agricola und Franck bis zu Wanders Lexikon mit über 250.000 Einträgen.
- Sprichwort, Redewendung oder Zitat? Arten und Kategorien deutscher SprichwörterWas ein Sprichwort von Redewendung, Zitat, Bauernregel und Aphorismus unterscheidet und welche Typen es gibt: Erfahrungssätze, Urteile, Warnungen und Regeln.
- Die 10 bekanntesten deutschen Sprichwörter und ihre BedeutungDie zehn bekanntesten deutschen Sprichwörter als Liste: was sie bedeuten und was über ihre Herkunft wirklich belegt ist, von der Bibel bis zum Mühlenrecht.