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Sprichwörter mit Reim: Reimform und Stilmittel deutscher Sprichwörter

Endreim, Alliteration, Parallelismus, Ellipse und ein fester Takt: mit welchen Stilmitteln deutsche Sprichwörter arbeiten und warum sie dadurch so gut im Kopf bleiben.

5 Minuten Lesezeit

Viele deutsche Sprichwörter reimen sich, und das ist kein Zufall. Neben dem Endreim wie in „Ohne Fleiß kein Preis“ arbeiten sie mit Alliteration („Wer rastet, der rostet“), mit Parallelismus und Gegensatz („Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“), mit Auslassungen und mit einem gleichmäßigen Takt. Diese Mittel machen Sprichwörter kurz und leicht zu merken. Ein psychologisches Experiment hat außerdem gezeigt, dass gereimte Sätze glaubwürdiger wirken als ungereimte mit gleichem Inhalt.

Endreim: der Klang, der zwei Hälften verbindet

Der Endreim ist das auffälligste Mittel. Meist teilt er das Sprichwort in zwei Hälften, und die Reimwörter tragen die Botschaft:

Bei „Fleiß“ und „Preis“ oder „Wahl“ und „Qual“ reimen genau die beiden Begriffe, um die es geht: Ursache und Folge. Der Reim behauptet eine Verbindung, und das Ohr glaubt sie.

Kürzer geht es mit dem Reim innerhalb einer Zeile: Eile mit Weile, Übermut tut selten gut, Jedem Tierchen sein Pläsierchen. Bei Einmal ist keinmal kommt ein Wortspiel dazu, denn „keinmal“ ist nur „einmal“ mit einem K davor. Auch die meisten Bauernregeln reimen, von Morgenrot, schlecht Wetter droht bis Schneit’s im Oktober gleich, wird der Winter weich.

Wie stark der Reim wirkt, zeigt die Geschichte zweier bekannter Beispiele. Bei „Morgenstund hat Gold im Mund“ war im 16. und 17. Jahrhundert noch nicht festgelegt, was die Morgenstunde im Mund hat: Neben Gold sind auch Brot und Arbeit belegt. Der Reim von „Stund“ und „Mund“ blieb dagegen gleich. Und den Rat, nichts auf morgen zu verschieben, verzeichnet Wanders „Deutsches Sprichwörter-Lexikon“ im 19. Jahrhundert auch in ungereimten Formen wie „Was du heute thun kannst, verschiebe nicht auf morgen“. Durchgesetzt hat sich die Fassung mit „besorgen“, die sich auf „morgen“ reimt.

Alliteration: gleiche Anfänge

Bei der Alliteration beginnen betonte Wörter mit demselben Laut. Das klingt weniger aufdringlich als ein Reim, wirkt aber ähnlich:

Das Muster ist sehr alt. Die germanische Dichtung, etwa das Hildebrandslied, band ihre Verse durch gleiche Anlaute, den Stabreim. Im Deutschen löste der Endreim ihn im 9. Jahrhundert ab. Reste finden sich in Zwillingsformeln wie „Kind und Kegel“, „Leib und Leben“ oder „klipp und klar“, und die Werbung nutzt den Trick bis in die Gegenwart, etwa mit „Geiz ist geil“.

Parallelismus und Gegensatz

Viele Sprichwörter bestehen aus zwei gleich gebauten Hälften. Diese Symmetrie macht sie leicht zu erfassen:

Eine Spielart ist die Wiederholung desselben Wortes. Geteiltes Leid ist halbes Leid endet beide Hälften mit „Leid“ und hat ein Spiegelbild: „Geteilte Freude ist doppelte Freude“. In Wer zuletzt lacht, lacht am besten, Leben und leben lassen und Wer A sagt, muss auch B sagen trägt die Wiederholung die ganze Pointe.

Ellipse: Was fehlt, ergänzt der Kopf

Manche Sprichwörter lassen sogar das Verb weg. Ende gut, alles gut, Besser spät als nie und „Ohne Fleiß kein Preis“ sind grammatisch unvollständig, aber jeder versteht sie. Die vollständige Fassung („Wenn das Ende gut ist, ist alles gut“) wäre korrekter und klänge sofort nach Behördenbrief. Die Auslassung gibt dem Satz etwas Formelhaftes, fast wie ein Motto.

Rhythmus und feste Satzmuster

Sprichwörter haben oft einen gleichmäßigen Takt aus betonten und unbetonten Silben. Bei Kleider machen Leute wechseln sie sich regelmäßig ab: KLEI-der MA-chen LEU-te. Bei „Morgenstund hat Gold im Mund“ ist es genauso: MOR-gen-STUND hat GOLD im MUND. Dazu kommt die Pause in der Mitte, die das Komma markiert.

Außerdem wiederholen sich bestimmte Satzbaupläne:

Weil die Form fest ist, überleben in Sprichwörtern Wörter und Endungen, die sonst längst verschwunden wären: die verkürzte „Morgenstund“, das „füg“ aus der Goldenen Regel, der alte Genitiv in Aller guten Dinge sind drei oder in Wer den Pfennig nicht ehrt, ist des Talers nicht wert. Im normalen Gespräch klänge das gestelzt. Im Sprichwort halten sich solche Formen erstaunlich lange, weil sonst Klang und Takt nicht mehr stimmen. Ganz sicher sind sie allerdings nicht: Statt „Aller guten Dinge“ sagen inzwischen viele „Alle guten Dinge sind drei“.

Warum Reim und Rhythmus beim Merken helfen

Reim und Takt wirken wie ein Gerüst. Wer „Morgenstund hat …“ hört, hat kaum eine Wahl: Der Rest muss auf „-und“ enden und in den Takt passen. Fehlt ein Wort oder steht ein falsches da, merkt man es sofort, weil der Klang nicht mehr stimmt. Die Sprichwortforschung nutzt das sogar für ihre Methoden. Um zu testen, welche Sprichwörter Menschen kennen, legen Forscher wie Peter Grzybek und Christoph Chlosta ihnen nur den Anfang vor und lassen sie ergänzen.

Der Reim hat noch einen zweiten Effekt, der weniger harmlos ist. Die Psychologen McGlone und Tofighbakhsh ließen in einer im Jahr 2000 veröffentlichten Studie Versuchspersonen beurteilen, wie zutreffend Sinnsprüche sind. Manche bekamen eine gereimte Fassung („What sobriety conceals, alcohol reveals“), andere eine ungereimte mit gleichem Inhalt („What sobriety conceals, alcohol unmasks“). Die gereimten Sätze wurden im Schnitt als zutreffender eingeschätzt. Der Effekt schrumpfte deutlich, sobald man die Teilnehmer bat, Form und Inhalt bewusst zu trennen. Seitdem spricht man vom Rhyme-as-Reason-Effekt: Was gut klingt, halten wir eher für wahr.

Auch die vielen Abwandlungen leben von der festen Form. „Viele Köche verderben die Köchin“ ist nur deshalb komisch, weil jeder Viele Köche verderben den Brei im Ohr hat und genau an der Stelle stolpert, an der das Original anders weitergeht.

Reim ist kein Wahrheitsbeweis

So überzeugend der Klang ist, er beweist nichts. „Eile mit Weile“ reimt sich, und „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen“ reimt sich auch, obwohl die beiden das Gegenteil raten. Reim, Alliteration und Takt sorgen dafür, dass ein Satz hängen bleibt und richtig klingt. Ob er auf die Lage passt, muss man trotzdem selbst entscheiden.

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