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Regionale Sprichwörter in Deutschland: von Norddeutschland bis Bayern

Wat mutt, dat mutt, Et kütt wie et kütt, Passt scho: echte regionale Sprichwörter und Sprüche aus Norddeutschland, Berlin, Sachsen, Schwaben, Köln und Bayern, mit Übersetzung.

6 Minuten Lesezeit

Jede Region in Deutschland hat ihre eigenen Sprüche. Im Norden heißt es „Wat mutt, dat mutt“ (Was sein muss, muss sein), in Köln „Et kütt wie et kütt“ (Es kommt, wie es kommt), in Bayern „Passt scho“ (Passt schon). Hier findest du echte regionale Sprichwörter und Sprüche aus Norddeutschland, Berlin, Sachsen, Schwaben, Köln und Bayern, jeweils mit Übersetzung ins Hochdeutsche und Bedeutung. Alle sind in Wörterbüchern, Regionalmedien oder Dialektsammlungen belegt. Die Schreibweisen schwanken, weil es für Dialekte keine verbindliche Rechtschreibung gibt.

Plattdeutsch und Norddeutsch

Plattdeutsch, sprachwissenschaftlich Niederdeutsch, ist kein Dialekt des Hochdeutschen, sondern eine eigene Regionalsprache. Viele norddeutsche Sprüche stammen daraus, andere sind Hochdeutsch mit norddeutscher Färbung.

  • Moin: Gruß zu jeder Tageszeit, nicht nur morgens. Ob das Wort von plattdeutsch „moi“ (schön, gut) oder von „Morgen“ kommt, ist umstritten. Wer „Moin Moin“ sagt, gilt im Norden schon als gesprächig.
  • Wat mutt, dat mutt (Was muss, das muss): Etwas Unangenehmes muss eben erledigt werden. Gesagt wird es mit einem Seufzer, dann wird angepackt.
  • Wat den een sien Uhl, is den annern sien Nachtigall (Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall): Was der eine schrecklich findet, gefällt dem anderen. Hochdeutsch verwandt ist Jedem Tierchen sein Pläsierchen.
  • Dor hett een Uhl seten (Da hat eine Eule gesessen): Die Mühe war umsonst, die Sache ist schiefgegangen.
  • Wenn de Muus satt is, smeckt dat Mehl bitter (Wenn die Maus satt ist, schmeckt das Mehl bitter): Wer genug hat, wird wählerisch. Die Kehrseite von Hunger ist der beste Koch.
  • Do wat du wullt, de Lüüd snackt doch (Tu, was du willst, die Leute reden doch): Man kann es nicht allen recht machen, also lass sie reden.
  • Keen nich will dieken, de mutt wieken (Wer nicht will deichen, der muss weichen): Der Spruch stammt aus dem Deichrecht an der Nordseeküste. Nach dem alten Spatenrecht verlor sein Land, wer seinen Deichabschnitt nicht instand hielt. Der Deichgraf steckte einen Spaten in den Deich, und wer ihn herauszog, bekam das Land samt der Pflicht, den Deich zu pflegen. Heute heißt der Satz allgemein: Wer bei einer gemeinsamen Aufgabe nicht mitmacht, hat auch keinen Anspruch auf ihren Nutzen.
  • Butter bei die Fische (Butter zu den Fischen): Rede Klartext, komm zur Sache. Woher der Ausdruck genau stammt, ist nicht belegt. Er gilt aber als typisch norddeutsch.
  • Nich lang schnacken, Kopp in’n Nacken (Nicht lange reden, Kopf in den Nacken): Trinkspruch, wenn der Schnaps auf einen Zug geleert werden soll.
  • Da nich für (Dafür nicht): die norddeutsche Antwort auf „Danke“, also „keine Ursache“.
  • Hummel, Hummel! Mors, Mors!: der Hamburger Gruß schlechthin. Kinder riefen dem Wasserträger Johann Wilhelm Bentz (1787 bis 1854) seinen Spitznamen „Hummel“ hinterher. Er antwortete mit „Mors, Mors“, kurz für „Klei mi an’n Mors“, auf Hochdeutsch etwa „Ihr könnt mich mal“.

Berlinerisch

Berliner reden schnell, direkt und gern frech. Diese Mischung aus Witz und Grobheit heißt Berliner Schnauze, und sie meint es meistens nicht böse.

  • Icke, dette, kieke mal, Oogen, Fleesch und Beene (Ich, das, schau mal, Augen, Fleisch und Beine): der Anfang eines Berliner Kinderreims. Er geht weiter mit „wenn de mir nich lieben tust, lieb ick mir alleene“ und zeigt nebenbei, dass Berliner „mir“ und „mich“ großzügig verwechseln.
  • Da kamma nich meckan (Da kann man nicht meckern): das höchste Lob, das ein Berliner vergibt. Ähnlich sparsam lobt man nur in Bayern.
  • Nu mach ma halblang (Nun mach mal halblang): Übertreib nicht, beruhig dich.
  • JWD (janz weit draußen): sehr weit vom Zentrum entfernt, am Stadtrand oder dahinter. Hochdeutsch heißt so eine Gegend: wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.
  • Bis in die Puppen (sehr lange, sehr spät): Gemeint waren ursprünglich die Statuen am Großen Stern im Tiergarten, die die Berliner „Puppen“ nannten. Wer bis dorthin spazierte, ging weit. Heute sagt man es in ganz Deutschland, etwa „bis in die Puppen feiern“.
  • Mir is janz blümerant (Mir ist ganz flau): Das Wort kommt vom französischen „bleu mourant“, sterbendes Blau, und beschreibt ein Schwindelgefühl.
  • Ick denke, der Affe laust mir: Berliner Form von „Mich laust der Affe“, also „Da bin ich aber überrascht“. Der Redensartenforscher Lutz Röhrich vermutete, dass die Wendung über Berlin ins Hochdeutsche kam.

Sächsisch

Obersächsisch wird in Sachsen, im Südosten Sachsen-Anhalts und in Teilen Ostthüringens gesprochen. Es lebt weniger von Sprichwörtern als von seinem Klang. Typisch ist, dass harte Konsonanten weich werden: Aus „Papa“ wird „Babba“, aus „Kartoffeln“ werden „Kardoffeln“. Darauf beruht der bekannteste Sachsenwitz, angeblich von der innerdeutschen Grenze: „Gänsefleisch mal den Gofferraum aufmachen?“, also „Können Sie vielleicht mal den Kofferraum aufmachen?“.

  • Nu (Ja): die sächsische Zustimmung. „Bist du zu Hause?“ „Nu.“
  • Bemme (belegte Brotscheibe): vermutlich aus dem Sorbischen entlehnt. Die Fettbemme ist ein Schmalzbrot.
  • Nischel (Kopf): In Chemnitz heißt so auch der riesige Karl-Marx-Kopf in der Innenstadt.

Die Sachsen selbst nehmen ihren Ruf mit Humor. Jürgen Hart sang 1979 „Sing, mei Sachse, sing“ und machte daraus eine Hymne der Selbstironie. Ein Irrtum ist dagegen „Klotzen, nicht kleckern“: Der Spruch ist allgemeines Umgangsdeutsch und kein sächsisches Sprichwort.

Schwäbisch

  • Schaffe, schaffe, Häusle baue (Arbeiten, arbeiten, ein Häuschen bauen): der bekannteste Spruch über die Schwaben, halb Selbstbild, halb Spott. Er steht für Fleiß, Sparsamkeit und den Traum vom Eigenheim. Hochdeutsch passt Ohne Fleiß kein Preis.
  • Schwätz koin Bäbb raus (Rede keinen Unsinn): eine schwäbische Abfuhr für jemanden, der dummes Zeug erzählt.
  • Bruddla oder bruddeln (vor sich hin schimpfen): Das Verb beschreibt das halblaute, mürrische Meckern, das auch der Grantler in Bayern beherrscht.
  • Send d’Henna henna? (Sind die Hühner drinnen?): ein beliebtes Beispiel für schwäbischen Wortwitz, denn „Henna“ heißt Hühner und „henna“ heißt drinnen.

Kein Sprichwort, aber berühmt: „Wir können alles. Außer Hochdeutsch.“ Mit diesem Slogan warb Baden-Württemberg ab 1999 für sich, entwickelt von einer Werbeagentur. 2021 wurde er durch „The Länd“ abgelöst.

Kölsch: das Kölsche Grundgesetz

Keine regionale Spruchsammlung ist so bekannt wie das Kölsche oder Rheinische Grundgesetz. Wer die elf Artikel zuerst aufgeschrieben hat, ist unbekannt. Populär gemacht hat sie der Kabarettist Konrad Beikircher, vor allem mit seinem Buch „Et kütt wie et kütt“ von 2001. Die Artikel beschreiben eine Haltung zwischen Gelassenheit, Fatalismus und Lebensfreude:

  1. Et es wie et es. Es ist, wie es ist.
  2. Et kütt wie et kütt. Es kommt, wie es kommt.
  3. Et hätt noch emmer joot jejange. Es ist noch immer gut gegangen.
  4. Wat fott es, es fott. Was fort ist, ist fort.
  5. Et bliev nix wie et wor. Es bleibt nichts, wie es war.
  6. Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet. Kennen wir nicht, brauchen wir nicht, weg damit.
  7. Wat wellste maache? Was willst du machen?
  8. Maach et joot, ävver nit zo off. Mach es gut, aber nicht zu oft.
  9. Wat soll dä Kwatsch? Was soll der Quatsch?
  10. Drinks de ejne met? Trinkst du einen mit?
  11. Do laachs de disch kapott. Da lachst du dich kaputt.

Oft wird ein zwölfter Satz dazugezählt: Jede Jeck es anders (Jeder Narr ist anders). Er ist das Kölner Gegenstück zu Leben und leben lassen und hat eine schöne Langform: „Jede Jeck es anders, jeder es anders jeck, und jet jeck sin mir all.“

Bairisch

In Bayern gilt „Passt scho“ als hohes Lob, „Ned gschimpft is globt gnua“ (Nicht geschimpft ist gelobt genug) als Erziehungsprinzip und „Mia san mia“ (Wir sind wir) als Lebensgefühl. Ein verbreiteter Irrtum: „A bisserl was geht immer“ ist kein altes Sprichwort, sondern stammt aus Helmut Dietls Fernsehserie „Monaco Franze“ von 1983. Viele weitere Sprüche mit Übersetzung findest du in unserem Artikel über bayerische Sprichwörter und Redewendungen.

Warum regionale Sprüche so schwer zu zählen sind

Gezählt hat sie trotzdem jemand. Karl Friedrich Wander trug in seinem „Deutschen Sprichwörter-Lexikon“ (1867 bis 1880) rund 250.000 Einträge zusammen, darunter viele Varianten aus einzelnen Landschaften. Eine eindeutige Grenze zwischen regionalem und allgemeinem Sprichwort gibt es dabei nicht: Manches wandert aus dem Dialekt ins Hochdeutsche, wie „bis in die Puppen“, anderes lebt nur in einem Dorf. Und einiges, was als uralte Volksweisheit gilt, kommt aus Werbung oder Fernsehen.

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