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Sprichwort, Redewendung oder Zitat? Arten und Kategorien deutscher Sprichwörter

Was ein Sprichwort von Redewendung, Zitat, Bauernregel und Aphorismus unterscheidet und welche Typen es gibt: Erfahrungssätze, Urteile, Warnungen und Regeln.

6 Minuten Lesezeit

Ein Sprichwort ist ein vollständiger, fest geformter Satz ohne bekannten Urheber, der eine allgemeine Erfahrung oder Regel ausspricht, etwa „Aller Anfang ist schwer“. Eine Redewendung ist dagegen nur ein Satzbaustein, den man in einen eigenen Satz einbauen muss. Ein Zitat hat einen nachweisbaren Autor, eine Bauernregel sagt Wetter und Ernte voraus, und ein Aphorismus ist der zugespitzte Gedanke eines bestimmten Schriftstellers. Inhaltlich lassen sich Sprichwörter grob in vier Typen ordnen: Erfahrungssätze, Urteile, Warnungen und Regeln.

Woran du ein Sprichwort erkennst

Der Sprichwortforscher Wolfgang Mieder beschreibt das Sprichwort als allgemein bekannten, fest geprägten Satz, der eine Lebensregel in knapper Form ausdrückt. Daraus ergeben sich fünf Merkmale:

  • Ganzer Satz: Ein Sprichwort hat Subjekt und Verb und kann allein stehen. Wer „Stille Wasser sind tief“ sagt, ist fertig.
  • Feste Form: Der Wortlaut ändert sich kaum. Niemand sagt „Ruhige Gewässer haben viel Tiefe“, obwohl es dasselbe meint.
  • Kein Urheber: Niemand weiß, wer den Satz zuerst gesagt hat. Genau das unterscheidet ihn vom Zitat.
  • Allgemeiner Anspruch: Ein Sprichwort spricht über alle Fälle, oft mit „wer“, „man“ oder „aller“, etwa in Wer rastet, der rostet.
  • Oft ein Bild: Ein konkretes Bild steht für eine allgemeine Aussage. Der Krug, der zerbricht, meint jedes Risiko, das man zu oft eingeht.

Ein einfacher Test: Kannst du mit dem Satz allein auf etwas antworten? „Na ja, aller Anfang ist schwer“ funktioniert. „Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ funktioniert nicht, du musst daraus erst einen Satz bauen: „Du siehst den Wald vor lauter Bäumen nicht.“

Die Nachbarn des Sprichworts im Überblick

Form Beispiel Erkennungsmerkmal
Sprichwort Neue Besen kehren gut ganzer Satz, anonym, allgemein gültig
Redewendung den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen Satzteil, wird eingebaut und gebeugt
Zitat, geflügeltes Wort Die Axt im Haus erspart den Zimmermann Urheber bekannt (Schiller)
Bauernregel Morgenrot, schlecht Wetter droht Wetter und Landwirtschaft, meist gereimt
Aphorismus „Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ Autorin bekannt (Marie von Ebner-Eschenbach), pointiert
Sagwort „Aller Anfang ist schwer, sagte der Dieb und stahl einen Amboss.“ Sprichwort plus Sprecher plus komische Lage
Ausruf Ach du heilige Makrele! drückt ein Gefühl aus, behauptet nichts

Redewendung

Redewendungen, auch Redensarten oder Idiome genannt, sind feste Wortverbindungen, aber keine fertigen Sätze. Mit dem ist nicht gut Kirschen essen hat zwar eine feste Form, sagt aber etwas über eine bestimmte Person aus, nicht über alle Menschen. Wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen beschreibt einen Ort und braucht einen Satz drumherum: „Er wohnt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.“ In der Sprachwissenschaft zählen beide zu den Phraseologismen, also festen Wortverbindungen. Die Unterscheidung bleibt trotzdem nützlich.

Zitat und geflügeltes Wort

Ein Zitat lässt sich auf eine Quelle zurückführen. Wenn es so bekannt wird, dass man es im Alltag benutzt, spricht man von einem geflügelten Wort. Den Begriff in diesem Sinn hat Georg Büchmanns Zitatensammlung „Geflügelte Worte“ von 1864 bekannt gemacht. „Die Axt im Haus erspart den Zimmermann“ sagt Tell in Schillers „Wilhelm Tell“ (1804). Zeit ist Geld geht auf Benjamin Franklin zurück, der 1748 einem jungen Kaufmann riet: „Remember that time is money.“

Die Grenze ist fließend. Vergisst man die Quelle, wird aus dem Zitat ein Sprichwort, so ist es vielen Bibelversen ergangen. Umgekehrt bekommen echte Sprichwörter gern einen erfundenen Urheber: Der Weg ist das Ziel wird oft Konfuzius zugeschrieben, ohne dass sich der Satz bei ihm findet.

Bauernregel

Bauernregeln sind überlieferte Sprüche über das Wetter und seine Folgen für die Landwirtschaft, fast immer gereimt und oft an Stichtage gebunden, die sogenannten Lostage. Beispiele sind Schneit’s im Oktober gleich, wird der Winter weich oder April, April, der macht, was er will. Die Morgenrot-Regel hat sogar ein biblisches Gegenstück: In Matthäus 16,2 bis 3 zitiert Jesus die Wetterregel seiner Zuhörer, nach der ein roter Abendhimmel schönes Wetter verspricht und ein roter Morgenhimmel Unwetter.

Ob eine Bauernregel stimmt, hängt stark von der Region ab, aus der sie stammt. Der Meteorologe Jörg Kachelmann wies 2004 außerdem darauf hin, dass die gregorianische Kalenderreform viele Stichtage verschoben hat. Rechnet man die Verschiebung ein, treffen manche Regeln überraschend oft zu.

Aphorismus

Ein Aphorismus ist ein geschriebener, pointierter Gedanke mit bekanntem Autor. Er will eher zum Nachdenken bringen als belehren und arbeitet gern mit Widerspruch. Marie von Ebner-Eschenbachs „Wer nichts weiß, muss alles glauben“ klingt wie ein Sprichwort, ist aber die Formulierung einer einzelnen Schriftstellerin.

Sagwort und Antisprichwort

Das Sagwort, international Wellerismus genannt nach der Figur Sam Weller aus Dickens’ „Pickwickier“, hat drei Teile: ein Sprichwort, einen Sprecher und eine Lage, die das Sprichwort lächerlich macht. Der Dieb mit dem Amboss ist das klassische Beispiel. Das Antisprichwort verändert den Wortlaut selbst, um witzig zu sein: „Der Klügere gibt nach, bis er der Dumme ist“ spielt mit Der Klügere gibt nach, „Viele Köche verderben die Köchin“ mit Viele Köche verderben den Brei. Beides funktioniert nur, weil jeder das Original kennt.

Die vier inhaltlichen Typen

Eine verbindliche Einteilung gibt es nicht. Bewährt hat sich eine grobe Ordnung danach, was ein Sprichwort mit dem Zuhörer macht.

Erfahrungssätze: So ist es eben

Diese Sprichwörter beschreiben, wie die Welt läuft, im nüchternen Präsens und ohne direkte Aufforderung. „Neue Besen kehren gut“ beobachtet, dass Neulinge anfangs besonders eifrig sind. Ein Unglück kommt selten allein stellt fest, dass Pech sich häuft. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm behauptet eine Regelmäßigkeit in Familien.

Urteile: Das ist besser als jenes

Urteile bewerten. Man erkennt sie an Wertwörtern, Vergleichen und Superlativen. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold stellt zwei Dinge auf eine Rangliste, Besser spät als nie ebenso. Hunger ist der beste Koch stellt den Hunger über jede Kochkunst: Wer hungrig ist, dem schmeckt fast alles.

Warnungen: Pass auf, sonst …

Warnungen nennen eine Folge, meist eine unangenehme. Hochmut kommt vor dem Fall droht dem Überheblichen, Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht dem, der sein Glück überreizt. Lügen haben kurze Beine kündigt an, dass die Wahrheit herauskommt.

Regeln und Ratschläge: Tu das, lass das

Regeln sagen direkt, was man tun soll, oft mit „man soll“ oder in der Befehlsform. Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu ist die gereimte Fassung der Goldenen Regel. Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben und Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen geben ebenfalls klare Anweisungen.

Dazu kommen Trost und Spott

Manche Sprichwörter passen in keine der vier Schubladen. Sie trösten, wie Kommt Zeit, kommt Rat oder Auf Regen folgt Sonnenschein. Oder sie spotten, wie Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln über unverdientes Glück und Wenn das Wörtchen ‚wenn‘ nicht wär, wär mein Vater Millionär über Ausreden.

Warum die Schubladen nicht dicht sind

Der Journalist Wolf Schneider hat darauf hingewiesen, dass Sprichwörter Normen gern als Erfahrungssätze tarnen. „Ehrlich währt am längsten“ klingt wie eine Beobachtung, ist aber eine Aufforderung, und gerade deshalb wirkt sie stärker als ein „Sei ehrlich!“. Viele Erfahrungssätze sind in Wahrheit verkleidete Regeln.

Dazu kommt der Zusammenhang. „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ kann ein Kompliment sein oder eine Beleidigung, je nachdem, wer es über wen sagt. Und Sprichwörter widersprechen sich offen: Gleich und gleich gesellt sich gern steht gegen „Gegensätze ziehen sich an“, Eile mit Weile gegen Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. Das ist kein Fehler im System. Sprichwörter sind keine Gesetze, sondern Werkzeuge: Man greift zu dem, das gerade passt.

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