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Geschichte der deutschen Sprichwörter: Ursprung, Sammler und Forschung

Woher deutsche Sprichwörter kommen und wer sie gesammelt hat: von Bibel und Sachsenspiegel über Agricola und Franck bis zu Wanders Lexikon mit über 250.000 Einträgen.

6 Minuten Lesezeit

Deutsche Sprichwörter haben keinen einzelnen Ursprung. Ein Teil stammt aus der Bibel und bekam seinen deutschen Wortlaut durch Martin Luther, ein Teil aus der Antike und dem Gelehrtenlatein, ein Teil aus Recht, Handwerk und Landwirtschaft. Gesammelt werden sie seit dem 16. Jahrhundert. Das größte Werk, Karl Friedrich Wilhelm Wanders „Deutsches Sprichwörter-Lexikon“, erschien von 1867 bis 1880 in fünf Bänden mit über 250.000 Einträgen. Seit dem 20. Jahrhundert untersucht eine eigene Wissenschaft, die Parömiologie, woher Sprichwörter kommen und wer sie heute noch kennt.

Ein altes Wort für alte Wörter

Das Wort „Sprichwort“ ist schon im Mittelhochdeutschen belegt. Es meinte ein geläufiges, oft gesagtes Wort, also eines, das viele im Mund führen. Daneben gab es Bezeichnungen wie „altez wort“, „altsprochen wort“ oder „gemeinez wort“. Ein Sprichwort galt damit von Anfang an als etwas, das älter ist als der, der es gerade sagt. Im 16. Jahrhundert schrieb man häufig „Sprüchwort“, erst im 18. Jahrhundert setzte sich „Sprichwort“ endgültig durch.

Mittelalter: Dichtung, Recht und Predigt

Wie alt manche Sprichwörter sind, zeigt das Rolandslied des Pfaffen Konrad, entstanden um 1170. Dort steht „iz enist nicht allez gold daz da glizzit“, und der Dichter nennt den Satz ausdrücklich ein „altsprochen wort“. Es ist nicht alles Gold, was glänzt galt also schon vor über 850 Jahren als alte Rede.

Eine ganze Sammlung gereimter Sinnsprüche legte zwischen 1215 und 1230 ein Dichter vor, der sich Freidank nannte. Seine „Bescheidenheit“ umfasst rund 4700 Verse in 53 Abschnitten. Sie wurde in vielen Handschriften abgeschrieben, bis ins 16. Jahrhundert gelesen und 1508 von Sebastian Brant neu bearbeitet; einzelne Freidank-Sprüche finden sich noch im 17. Jahrhundert in Inschriften.

Auch das Recht formulierte knapp und merkbar. Im Sachsenspiegel, dem Rechtsbuch des Eike von Repgow aus der Zeit um 1220 bis 1235, heißt es: „Die ok irst to der molen kumt, die sal erst malen.“ Daraus wurde Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Aus einer Regel für Bauern an der Mühle ist eine Regel für jede Warteschlange geworden.

Gelehrte schätzten Sprichwörter ebenfalls. Rhetorik-Lehrbücher empfahlen sie ab dem 12. Jahrhundert als Stilmittel, Prediger stellten sie neben Bibelworte. Der Historiker Johan Huizinga hielt das Sprichwort sogar für die Ausdrucksform, die dem mittelalterlichen Denken am meisten entsprach.

Die Bibel und Martin Luther

Ein großer Teil der deutschen Sprichwörter stammt aus der Bibel, besonders aus dem Buch der Sprüche. Hochmut kommt vor dem Fall steht in Sprüche 16,18, Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein geht auf Sprüche 26,27 zurück, Wer Wind sät, wird Sturm ernten auf den Propheten Hosea (8,7), Glaube versetzt Berge auf Worte Jesu und des Paulus (Matthäus 17,20 und 1. Korinther 13,2).

Ihren deutschen Klang verdanken viele davon Luthers Übersetzung: Das Neue Testament erschien 1522, die ganze Bibel 1534. Luther wollte bewusst so schreiben, wie die Leute sprachen. Im „Sendbrief vom Dolmetschen“ (1530) verlangte er, man müsse „die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt“ fragen und ihnen „auf das Maul sehen“. So wurde aus dem lateinischen „Ex abundantia cordis os loquitur“ sein „Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über“ (Matthäus 12,34). Luther legte sich außerdem eine eigene handschriftliche Sprichwörterliste an; gedruckt wurde sie erst im Jahr 1900. Mehr dazu im Artikel über biblische Sprichwörter.

Das 16. Jahrhundert: die ersten großen Sammlungen

Das große Vorbild lieferte ein Niederländer. Erasmus von Rotterdam veröffentlichte im Jahr 1500 in Paris seine „Adagia“, eine kommentierte Sammlung antiker Sprichwörter mit zunächst 821 Einträgen. Bis zur letzten Ausgabe 1536 wuchs sie auf über 4100 an und wurde zum Vorbild für ganz Europa. Der Tübinger Humanist Heinrich Bebel ging kurz darauf den umgekehrten Weg und übertrug deutsche Sprichwörter ins Lateinische.

Johannes Agricola aus Eisleben, ein Schüler und lange enger Vertrauter Luthers, sammelte dann ausdrücklich die deutschen. Seine „Dreihundert gemeiner Sprichwörter, der wir Deutschen uns gebrauchen und doch nicht wissen, woher sie kommen“ erschienen 1528 zunächst niederdeutsch in Magdeburg, 1529 dann hochdeutsch. Agricola erklärte jedes Sprichwort, und 1534 brachte er eine erweiterte Ausgabe mit 750 Stück heraus. Mit Luther überwarf er sich später im sogenannten Antinomistischen Streit über die Rolle des Gesetzes.

Noch größer war die Sammlung von Sebastian Franck, die 1541 in Frankfurt am Main erschien: fast 7000 Sprichwörter und Redensarten, oft ein lateinischer Spruch mit mehreren deutschen Entsprechungen, dazwischen lange theologische Betrachtungen. Franck stimmte nicht allem zu, was er abdruckte. Die widersprüchlichen Sprüche sollten den Leser zum eigenen Urteil zwingen. Luther konnte ihn nicht ausstehen und beschimpfte ihn 1545 in einer Vorrede als „Beelzebub Francken“.

Wie sehr das Thema damals in der Luft lag, zeigt auch die Malerei: Pieter Bruegel der Ältere malte 1559 „Die niederländischen Sprichwörter“, ein Dorfbild, auf dem Dutzende Redensarten wörtlich genommen werden.

Vom Sammeln zum Lexikon

Anfang des 17. Jahrhunderts ordnete Friedrich Petri rund 20.000 Sprichwörter alphabetisch. Im 19. Jahrhundert, mit dem romantischen Interesse an allem „Volkstümlichen“, folgten weitere Sammlungen, etwa Karl Simrocks „Die deutschen Sprichwörter“ (1846). Einer verwandten Gruppe widmete Georg Büchmann 1864 ein eigenes Buch, die „Geflügelten Worte“: Zitate mit nachweisbarem Urheber, die im Alltag oft wie Sprichwörter benutzt werden.

Das Hauptwerk dieser Zeit stammt von einem Außenseiter. Karl Friedrich Wilhelm Wander (1803 bis 1879) war Lehrer in Schlesien, legte sich mit seinen Vorgesetzten an und wurde 1849 als „Aufwiegler“ aus dem Schuldienst entlassen. Nach einem kurzen Aufenthalt in den USA verdiente er sein Geld mit einem Gewürzgeschäft. 1862 begann er mit seinem „Deutschen Sprichwörter-Lexikon“, das von 1867 bis 1880 in fünf Bänden bei Brockhaus in Leipzig erschien, der letzte Band erst nach seinem Tod. Mit über 250.000 Einträgen ist es die größte Sammlung deutscher Sprichwörter. Viele Einträge nennen Entsprechungen in anderen Sprachen und die älteren Quellen.

Wander sammelte nicht nur, er kommentierte auch. Zu Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm merkte er an, gäbe es eine Statistik, würde sie zeigen, dass das nur ausnahmsweise stimmt. Auch Scherzformen nahm er auf, etwa: „Aller Anfang ist schwer, sagte der Dieb und stahl einen Amboss.“

Das 20. Jahrhundert: Sprichwortforschung als Wissenschaft

Die wissenschaftliche Sprichwortkunde heißt Parömiologie, nach dem griechischen Wort „paroimía“ für Sprichwort. Wichtige Wegmarken sind Archer Taylors Buch „The Proverb“ (1931), Lutz Röhrichs „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“ (1973) und die Arbeiten des Germanisten Wolfgang Mieder, der an der University of Vermont lehrt, das Jahrbuch „Proverbium“ herausgibt und über hundert Bücher zum Sprichwort verfasst hat.

Neu war im 20. Jahrhundert die Frage, wer Sprichwörter eigentlich noch kennt. Der russische Forscher Grigorij Permjakov entwickelte in den 1970er Jahren die Idee eines „parömischen Minimums“, also des Grundbestands, den fast alle Sprecher beherrschen. Für das Deutsche haben Peter Grzybek, Christoph Chlosta und Rupprecht S. Baur das seit Anfang der 1990er Jahre mit Befragungen untersucht. Eine frühe Studie Grzybeks trug 1991 den sprechenden Titel „Sinkendes Kulturgut“. Später kamen große Textsammlungen dazu: Die Online-Plattform „SprichWort“ (2008 bis 2010) wertete Zeitungstexte aus und zeigte etwa, dass Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen dort oft nur zur Hälfte zitiert wird. Den Rest ergänzt der Leser selbst.

Wie Sprichwörter heute weiterleben

Der Bestand ist nicht abgeschlossen. Neue Sprichwörter kommen dazu, manche aus dem Englischen wie Der frühe Vogel fängt den Wurm. Alte werden verdreht, die Forschung spricht dann von Antisprichwörtern: „Morgenstund ist aller Laster Anfang“ oder „Der Klügere gibt nach, bis er der Dumme ist“, eine boshafte Verlängerung von Der Klügere gibt nach. Mehr Beispiele dafür sammelt der Artikel über Abwandlungen deutscher Sprichwörter.

Neu ist dieses Spiel allerdings nicht. Schon Wanders Lexikon ist voll von Spottversionen, und Sebastian Franck druckte vor fast 500 Jahren absichtlich Sprichwörter, die einander widersprechen. Sprichwörter waren nie ehrwürdige Denkmäler, sondern Gebrauchsgegenstände. Genau deshalb sind so viele von ihnen nach Jahrhunderten noch im Umlauf.

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